AAD 10 – neue Ausrichtung!?

Man konnte es in den Tageszeitungen lesen (z.B. nzz.ch), dass der C VBS anlässlich seiner Winterwanderung mit Journalisten in Adelboden u.a. so beiläufig eine Neuausrichtung des Einsatzspektrums des Armeeaufklärungsdetachementes 10 (AAD 10) angekündigt hat. Es soll primär im Inland zum Einsatz kommen und auf einem Bestand von 40 Mann eingefroren werden. Blicken wir kurz zurück.

von Martin von Orelli *

Vor einigen Jahren wurde man sich im EDA und VBS einig, dass es nicht länger angehen konnte, sich ausschliesslich auf die Sonderoperationskräfte befreundeter Staaten abzustützen, wenn es darum gehen würde, Schweizer Bürgerinnen und Bürger aus einer Notsituation im Ausland zu retten bzw. sie zu evakuieren. Man war sich von Anbeginn im Klaren, dass es nicht darum gehen konnte, gross angelegte, eigenständig durchgeführte Operationen vorzusehen, sich aber nur auf den Goodwill anderer abzustützen, sei unseres Landes unwürdig. Das EDA war eine treibende Kraft hinter diesem Projekt. Die Einsatzverantwortung würde beim EDA liegen, die Führungsverantwortung beim VBS.

Nun gibt der C VBS anlässlich eines Jahresendanlasses bekannt, dass diese Grundidee des AAD 10 hinfällig sei und man auf Auslandeinsätze von Sonderoperationskräften im Wesentlichen verzichten werde. Kennt man ein bisschen die Vorgeschichte, dann hätte diese Neuigkeit zusammen mit dem EDA bekannt gegeben werden müssen, denn es ist nicht ein ausschliessliches VBS-Geschäft. Man darf gespannt sein, ob das EDA überhaupt begrüsst worden ist oder die Neuigkeit auch aus der Zeitung erfahren hat.

Sollte das VBS der (irrigen) Ansicht sein, dass dieser Entscheid im Ausland keine Beachtung erfahren wird, dann dürften die Echos bald in Bern eintreffen – natürlich nur verklausuliert und politically very correct. Zudem dürfte der C VBS einige Post von Schweizer Bürgerinnen und Bürger im Ausland erhalten, insbesondere von solchen, die in schwierigen Ländern wohnen. Ob diese Briefe nur Glückwünsche beinhalten, möchte ich bezweifeln – wahrlich keine sehr erbauende Weihnachtsbotschaft aus Bern.

Der C VBS hat aber nicht nur angekündigt, Einsätze im Ausland würden im Wesentlichen der Vergangenheit angehören. Er sieht Einsätzmöglichkeiten im Innern. Da wäre man gespannt zu erfahren, wie sich die Kantone (die Hauptpartner des Bundes im Sicherheitsverbund Schweiz!) dazu stellen. Die Mehrzahl der Kantone unterhält hochqualifizierte, gut ausgebildete Polizeigrenadierformationen, die sich bewährt haben. Welches soll nun der Mehrwert sein, den das AAD 10 erbringen soll? 40 Angehörige des AAD 10 stellen einen ansehnlichen Kampfwert dar. Übernehmen sie Spezialaufgaben, die die Sondereinheiten der Polizei bis anhin bewusst beiseite lassen mussten? Sollen sie eher eine verstärkende Rolle übernehmen? Es stellen sich mannigfaltige Fragen. Und deshalb hätte bei der Bekanntgabe dieses Entscheides, sofern er bereits definitiv ist, nebst der Vorsteherin des EDA auch die Präsidentin der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) dabei sein sollen, sodass die drei wesentlichen Betroffenen aufeinander abgestimmt die neue Lage bekannt gegeben hätten und auch die Überlegungen, die  zu diesem Entscheid geführt haben.

So schön der verschneite Wald in Adelboden auch sein mag, zur Bekanntgabe von Entscheiden strategischer Relevanz eignet er sich nur schlecht.

Es besteht Klärungsbedarf:

Einerseits ist das VBS in der Pflicht, Zusatzinformationen nachzureichen. Andererseits steht für mich ausser Zweifel, dass sich die Mitglieder der sicherheitspolitischen Kommissionen von National- und Ständerat dazu äussern und Fragen stellen müssen. Es wäre u.a. auch eine Chance, bei diesem heiklen Thema, die Scharte, die anlässlich der Diskussionen um die Operation „ATALANTA“ entstanden ist, auszuwetzen.

* Dr. Martin von Orelli, Div a D, ehem. Stv CdA, Präsident der GGstOf
Die Ausführungen widerspiegeln die persönliche Ansicht des Autoren und engagieren nur ihn selbst. Der Zufall will es, dass der Autor gleichzeitig Präsident der GGstOf ist.

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8 Antworten auf AAD 10 – neue Ausrichtung!?

  1. Christoph Grossmann sagt:

    Was der Präsident der GGstOf darlegt, trifft in jeder Hinsicht zu. Es ist befremdend, dass sich im VBS selbst immer noch die stärksten Gegner von Sonderoperationskräften befinden. Und nennen wir ein weiteres im Klartext: Dass die Äusserungen des Bundesrats zur klassifizierten Eventualplanung im Zusammenhang mit der Geiselaffaire in Lybien nie richtiggestellt wurden, ja offenbar auch im VBS dafür kein Interesse bestand, ist einfach nur unprofessionell. Als Generalstabsoffizier erwarte ich von der Schweiz, dass sie imstande ist, in professioneller Zusammenarbeit mit dem Ausland auch in Sonderoperationen den Schutz ihrer Bevölkerung zu gewährleisten und ihre Solidarität zu beweisen, und dass die spezifischen Anforderungen bei Sonderoperationen insbesondere auch von der Regierung erfüllt werden. Nehmen wir die neue Bundespräsidentin beim Wort: Ein Rückzug in die Berge ist in einer globalisierten Welt keine Lösung. Wer Verteidigungfähigkeiten ernst nimmt weiss genau, dass Sonderoperationskräfte unabkömmlich sind. Und eine zusätzliche Baustelle mit den kantonalen Polizeikräften brauchen wir nun wirklich nicht. Schliesslich ist auch bei der Wortwahl bundesrätlicher Mitteilungen mehr Präzision angebracht. Es ist ganz einfach falsch davon zu sprechen, dass das AAD 10 zum Einsatz komme, wenn die Polizeikräfte eines Kantons „ausgeschossen“ seien. Solch martialische Sprüche sind auf verantwortlicher Regierungsstufe unangebracht.

  2. Heinz Häsler, KKdt aD sagt:

    Es ist nichts Aussergewöhnliches, dass in unsern Tagen auf den politischen Führungsebenen unkoordiniert losgeplappert wird. Kennt man im Bundehaus die sog. Sprachregelung nicht mehr?
    Aber auch andernorts wird gewurstelt. Im Februar haben wir über die Initiative „Schutz vor Waffengewalt“ abzustimmen. Ein Urnengang, der nicht nur für Schützen und Jäger zu verheerenden Auswirkungen führen kann. Auch die Milizarmee wird weiter an Reputation verlieren.
    Wir, die wir gegen die Initiative sind, haben nun jahrelang erklärt, dass das Gewehr und die Pistole im Haus an sich keine Gefahr bedeuten. Es sei vielmehr der Mensch, welcher sie neben vielen andern Gegenständen und Einrichtungen (z.B. Messer, Aexte, Bahnen) für persönliche und verbrecherische Taten „missbrauche“.
    Und nun publiziert der Schweizerische Schiesssportverband in einer offiziellen Meldung kurz vor Weihnachten (Quelle: Teletext), man wolle ab 2012 in den Schulen über die „Gefahr von Waffen“ orientieren(!). Diese Aussage wurde wohl erfunden, ohne mit den Erziehungsdirektoren, mit Schulbehörden, mit Pädagogen aller Stufen Kontakt aufgenommen zu haben. Damit verkündet man dümmlich nicht nur eine Utopie sondern spielt den Initianten das Thema „Kind“ zu, welches bis heute noch nicht in ihrem Argumentenkatalog vorkommt. „Die Waffennarren hätten wohl kalte Füsse bekommen und wollten nun vor der Abstimmung noch rasch verkünden, dass man mit Orientierungen auch bei Kindern die Angst vor den Gefahren von Waffen im Haus nehmen könne. Also, auch die ablehnenden Kreise sähen im Grunde die Waffen im Haus als Gefahr“.
    So kann nun argumentiert werden.
    Ein Klassebeispiel an unüberlegter, hektischer und im ungünstigsten Augenblick verbreiteten Falschaussage!
    Wenn Direktbetroffene die Abstimmung auf diese Weise „unterstützen“, wird es immer schwerer sein, sie zu zu gewinnen.

  3. Bruno Bernasconi, Berufsoffizier a D sagt:

    Die Darstellung zur Entwicklung und Bedeutung des AAD 10 von Div a D von Orelli ist sicherlich korrekt und seine persönliche Haltung, die eher diesbezügliche Auslandeinsätze zu befürworten scheint, legitim. Ich kann mir aber auch eine andere Sichtweise vorstellen. Denn was hätte passieren können, wenn im Fall der Libyengeschichte eine Intervention des AAD 10 stattgefunden hätte, ob erfolgreich oder nicht ist hierbei unerheblich. In Szenarien gedacht hätte dabei durchaus die Sicherheit unseres Landes auf dem Spiel stehen können; das tut sie zwar auch in der heutigen Zeit permanent, aber es hätte ein konkreter Anlass bestanden, diese zu gefährden. Wie viel wahrscheinlicher wäre beispielsweise ein Terroranschlag in unserem Land aus der islamischen Hemisphäre geworden. Bei allem möglichen Verständnis für das Schicksal der beiden freiwillig beruflich in einem Risikoland tätigen Schweizerbürger darf andererseits die Sicherheit unseres Landes nicht aufs Spiel gesetzt werden. Es gilt nun einmal zu erkennen, dass wir ein Kleinstaat sind, und dazu noch ein neutraler, dem per se trotz vielerlei Möglichkeiten auch in unserer heutigen Welt doch in mancherlei Beziehungen Grenzen gesetzt sind; das muss man sich einfach auch eingestehen können. Das hat nach meiner Meinung nichts mit Kleinmut zu tun, sondern ist die Einsicht nach einer Beurteilung der Lage. Jeder, der einmal während längerer Zeit eine ausländische Militärschule höherer Stufe absolviert hat muss realisiert haben, dass geopolitisches und strategisches Denken und Handeln neben einer gewissen Grösse ein vielfältiges Mass an Potenz braucht, die nun mal ein Kleinstaat in wesentlichen Belangen nicht hat; Finanz- und Wirtschaftskraft genügen für das Wesen einer grösseren Nation nicht. Aus dieser Sichtweise erscheint es mir auch legitim zum Schluss zu gelangen, das AAD 10 besser nicht im Ausland einzusetzen, auch wenn es zugegebenermassen Begründungen gibt, es doch zu tun. Es gibt für ein Für und Wider vieles abzuwägen. So wie man den sogenannten Entscheid – so er denn tatsächlich staatstragend gefallen ist – in Zweifel ziehen kann, so bezweifle ich heute die Richtigkeit, das AAD 10 im Ausland einsetzen zu wollen. Neben den dargelegten rationalen Überlegungen fühle ich emotional den Einsatz eines solchen Instrumentes für “unschweizerisch“, das heisst im vorliegenden Fall, dass dies unsere Möglichkeiten übersteigt, vor allem wenn man an die möglichen Folgen eines solchen Einsatzes denkt.

  4. Martin Wagner sagt:

    Vielen Dank für die „Auslegeordnung“ des Präsidenten der GGstOf! Was mag wohl den C VBS getrieben haben, diese tolle und offesichtlich in jeder Hinsicht wohl „überlegte“ Neuerung an der Winterwanderung bekannt zu geben? Wieder einmal Provokation? Auf die Möglichkeit von Aktivittäten von unverzichtbaren Sondereinsatzkräften (so richtig erwähnt von Christoph Grossmann) leichtfertig mit dem Hinweis auf fehlende Akzeptanz im Ausland zu verzichten und dafür auf bekanntlich besonders delikate Inlandeinsätze zu verweisen, hat für mich jedenfalls etwas Provokatives. Wem nützt diese „Aktion“?

  5. Pingback: AAD 10 im Inlandeinsatz? | Offiziere.ch

  6. Lt Christian Nussbaumer sagt:

    Für mich steht ausser Frage, dass dies nur ein strategischer Schachzug von Herrn Maurer in Richtung Abschaffung des AAD10 darstellt. Als ehemaliger AdSwisscoy und Interessenten eines Einsatzes als MILOB (Militärbeobachter) macht mich dieser Entscheid nachdenklich. Wer, wenn denn nicht das AAD10 hat überhaupt die nötige Kompetenz zu einem Einsatz in einer Krisenregion?

    Ein Einsatz ohne Zustimmung des Einsatzlandes ist höchst unwahrscheinlich und logistisch schwer bis unmöglich umzusetzen, hierfür fehlen uns definitiv die Mittel und da gebe ich Herrn Bundesrat Maurer recht. Als wahrscheinlichste Variante sehe ich einen Einsatz bei einer Geiselnahme durch eine paramilitärische Organisation wie z.B. die FARC in Kolumbien, Al Qaida in der Westsahara usw. Ein Einsatz wäre in solch einem Fall möglich, natürlich abhängig vom Willen der Regierung des Einsatzlandes.

    Gerade im Hinblick auf den personellen Ausbau von Peace-Support Einsätzen und generell zum Schutz von Auslandschweizern macht das AAD10 Sinn. Dieses nach nur wenigen Jahren nun abzuschaffen und die bestausgebildeten Soldaten und Kader dieser Einheit zu verlieren kann nicht im Interesse des VBS und des EDA sein. Ich hoffe der Herr Bundesrat wird sein Ziel nicht erreichen und ich hoffe, dass das AAD10 nicht allzu schnell zum Einsatz kommen muss.

  7. Lukas M. Polizist sagt:

    Ich habe meinerseits auch mit grossem Erstaunen von dieser Äusserung des C VBS Kenntnis genommen.
    Es zeigt mir die grossen Probleme auf, welche unsere Politik mit der Armee hat. Bundesbern ist nicht mehr fähig unserer Armee einen klaren Auftrag zu erteilen. Und falls dann ein halbpatziger Auftrag kommt, fehlt es sicherlich an den finanziellen Mitteln zur seriösen Umsetzung.
    Nun ich finde es wichtig, dass wir das AAD 10 weiterhin im Ausland einsetzen könnten. Es ist aber durch aus eine Überlegung wert, das Aufgabenspektrum im Inland zu erweitern. Im Zuge der Einführung der eidg. StPO hat der „Sicherheitsverbund Schweiz“ sicherlich erste Grundlagen dazu gelegt. Bis ein militärischer Verband subsidiär der Polizei der Kantone zur Hand geht ist es aber noch ein weiter Weg. So müsste man sich sicherlich überlegen, auch die Polizeigesetze auf Bundesebene zu vereinen. Im Ganzem finde ich den Ansatz aber sehr interessant. Würde er wenigstens Teilen der Armee wieder einen klaren, durchführbaren Auftrag geben.
    Es ist allseits bekannt, dass finanzielle und personelle Mittel der kantonalen Polizeikorps knapp sind. Deshalb fände ich die Einbindung spezialisierter Truppenkörper der Armee sehr nützlich. Ich denke da vor allem an die vielen Sportanlässe und Grossdemonstrationen, bei welchen die Polizeikorps stehts grosse Kontingente an sogenannten Ordnungsdiensten stellen müsssen um die Sicherheit gewährleisten zu können. Doch bis dorthin wäre es noch ein weiter Weg.
    In meinen Augen käme es dabei aber zu einer win-win-Situation. Die Armee ihrerseits hätte einen klaren definierten Auftrag zu erfüllen und eine da-seins-Berechtigungsdiskusion würde somit hinfällig. Zum Anderen wären die kantonalen Korps entlastet und könnten ihre personellen Resourcen für die eingentliche Polizeiarbeit einsetzen.
    Auf Seiten der Armee sehe ich noch einen weiteren Vorteil: Durch solche Einsätze könnten die betroffenen AdA Erfahrungen und Routine erlangen welche das erlernte Handling vertiefen und festigen würden, was sie schliesslich zu besseren Soldaten machen würde.
    Durch das Anbringen eines Maulkorb beim AAD 10, fördert der C VBS die Kritik an der Armee. Er trägt somit sogar Wasser auf die Mühlen der Leute, welche die Armee abschaffen wollen. Sieht es doch so aus, als hätte die Armee selber erkannt, dass sie überflüssig sei und deshalb selbstständig Truppenteile auflöst oder abbaut.

  8. Herr Bernasconi fühlt emotional ein Auslandeinsatz des AAD 10 2 als „unschweizerisch.“ Ich finde es aber absolut nicht unschweizerisch, z.B. Auslandschweizer, Konsulate und Botschaften zu schützen und zu evakuieren und den Schutz unserer Handelsschiffe zu gewährleisten. Sich im Gefahrenfall feige auf die Hilfe von andern Staaten zu verlassen wäre tatsächlich „unschweizerisch.“

    Es ist falsch, den ursprünglich angestrebten Bestand von knapp hundert Mann auf nur noch 40 zu reduzieren. Bei einem mindestens 3-tägigen Auftrag ist die Ablösung im Einsatz nicht gewährleistet. Ein Abbau oder sogar eine Auflösung dieser bestausgebildeten Einheit ist geradezu unverantwortlich.

    Der Einsatz des AAD 10 im Inland ist nicht abwegig. Inwieweit dies erfolgen kann und wo die Grenzen sind für einen Einsatz sollte mit den Kantonen und den Polizeikorps unverzüglich diskutiert werden und zwar nicht erst, wenn die Polizeikorps „ausgeschossen“ sind!

    Übrigens: Wir haben heute schon „die beste Armee der Welt!
    1. Es ist unsere eigene Armee.
    2. Wir sind die Armee.
    3. Wir bedrohen oder greifen niemanden an.

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