Alle roten Pfeile kamen aus dem Osten – zu Recht?

Rund 50 Gäste fanden sich im Juni zur Vernissage zweier weiterer Bände der Generalstabsgeschichte in Genf ein. Zum einen wurde durch Dimitry Queloz der lang ersehnte Band IV (1874–1906) in französischer Sprache präsentiert und zum andern der hier kurz vorgestellte Band XI (das Bild und die Bedrohung der Schweiz 1945–1966 im Lichte östlicher Archive) durch Hans Rudolf Fuhrer und Matthias Wild.

Fuhrer, Militärhistoriker und mehrfacher Buchautor, skizzierte in seinem Einführungsreferat die Forschungsschwerpunkte der über 600 Seiten starken Studie: Ideologie des Kommunismus, Militärdoktrin der Sowjetunion und ihr Verhalten in ausgewählten Ereignissen und Entwicklungen des Kalten Krieges, das Bild der Schweiz in der Wahrnehmung des Ostblocks, das schweizerische «Feindbild» und die militärischen Planungen des Warschauer Vertrages in Bezug auf Westeuropa.

Der Osten fürchtete den Westen
Für die vorliegende Studie von besonderem Interesse war Marschall Kulikovs Aussage, die sowjetische Führung habe zu keinem Zeitpunkt eine Aggression gegen den Westen und erst recht nicht gegen die Schweiz geplant („Ich sage es nochmals deutlich: Es gab keine Vergeltungs- oder Angriffspläne gegen den Westen.“): Nach den Konferenzen von Jalta und Potsdam sei die Teilung Europas beschlossene Sache gewesen und habe nicht mehr zur Diskussion gestanden. Es sei deshalb historisch nicht korrekt, von Welteroberungsabsichten oder anderen machtpolitischen «Ambitionen» der UdSSR zu sprechen.

In den östlichen Quellen wurden vergleichbare Feindbilder gefunden: Der Westen will uns überfallen; wir müssen 365 Tage bereit sein, um dieser Aggression eine adäquate Antwort zu geben. Der Osten nahm den Westen als aggressiv wahr und wir alle wissen es aus eigener Erfahrung: Wir haben den Osten als äusserst bedrohlich und aggressiv wahrgenommen. Es lag also – laut Fuhrer – eine gigantische Absichtsspiegelung vor.

Daraus entstand die WAPA-Doktrin: Zurückschlagen des westlichen Angriffs und dann terrestrische Gegenoffensive (Vergeltungsangriff). Die Verteidigung wird ausschliesslich offensiv geführt; der Krieg findet auf dem Boden des Aggressors statt.

Die Schweiz und die bewaffnete Neutralität
Die Studie kommt weiter zum Schluss, dass die Schweiz aus der in der DDR, Ungarn und in der Tschechoslowakei eingesehenen militärischen Planung des Warschauer Vertrages – leider hat die Russische Föderation die Einsicht in die Archive der Sowjetunion verweigert – ausgeklammert worden war. Sie erwähnt dafür mehrere Gründe:

  • Militärgeographisch war die Schweiz als Durchmarschraum zur Vernichtung der Armeen westeuropäischer Nato-Staaten in einer „vom Westen aufgezwungenen“ totalen kriegerischen Auseinandersetzung nicht von Bedeutung.
  • Operativ bot sie mit ihrer bewaffneten Neutralität dem Warschauer Vertrag namhafte Vorteile wie beispielsweise ein passiv-aktiver linker «Flankenschutz». Die militärischen Vorbereitungen der Schweiz deuteten darauf hin, dass ein Durchmarsch langwierig und verlustreich werden würde.
  • Auch wenn zweifellos eine kulturelle, wirtschaftliche und ideologische Zugehörigkeit zum Westen bestand, so gab es politisch keine widerspruchsfreien Vermutungen, dass die Eidgenossenschaft ohne Zwang die Neutralität bereits vor einem Angriff auf ihr Territorium aufgeben würde.
  • Nachrichtendienstlich war eine neutrale Nachrichtenplattform in der Mitte des gegnerischen Blocks wertvoll. Die meisten nachrichtendienstlichen Vorbereitungen und Tätigkeiten deuten auf diese Nutzung des neutralen Territoriums hin (legale und illegale Residenten, Gelegenheit für Treffs, Vorteil des Zweitlandes, Kontakte zu fremden Nachrichtendiensten usw.).

In der Studie werden noch weitere Gründe angegeben, welche die Annahme stützen, dass die Schweiz bei einem östlichen Angriff auf Westeuropa so lange verschont geblieben wäre, solange sie strategisch-operativ keine wichtige Rolle spielte und eine glaubwürdige bewaffnete Neutralität beibehielt.

Zur Beurteilung wurden zwei Schlüsselmeldungen des Nachrichtendienstes in Bezug auf die Schweiz herangezogen:

  1. Bleibt die Schweiz neutral, kann und will sie die Neutralität politisch führen und auch militärisch schützen?
  2. Respektiert auch die NATO das neutrale Territorium?

Der Schweizer Generalstab plante richtig
Fuhrer äusserte vor den Gästen trotz dieses überraschenden Resultats die Überzeugung, dass sich die Überlegungen und konzeptionellen Verteidigungsvorbereitungen des schweizerischen Generalstabs 1945–1966 als fachlich weitgehend richtig erwiesen haben. Es galt den «gefährlichsten» Fall vorzubereiten und die globale Lage wurde in der Forschungsperiode mehrmals als gefährlich wahrgenommen.

Angesprochen auf die Stimmen, welche jetzt den fehlenden «Angriffsplan Schweiz» zum Anlass nehmen werden, insbesondere die «unnützen» Militärausgaben zu kritisieren, erwiderte Fuhrer, dass es „fahrlässig sei anzunehmen, dass die Respektierung der neutralen Schweiz in den östlichen Planungen der Anfangsphase eines europäischen Krieges gleich ausgesehen hätte, wenn wir unsere Landesverteidigung vernachlässigt oder gar aufgegeben hätten„. Das Schimpfwort des sicherheitspolitischen „Trittbrettfahrers“ wäre dann berechtigt gewesen. Dass die Neutralität per se nicht schützt, zeigt das Beispiel Österreichs in den ungarischen Planungen. Die österreichische Neutralität wurde nie respektiert.

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2 Antworten auf Alle roten Pfeile kamen aus dem Osten – zu Recht?

  1. Wie wahr besonders die letzte Aussage ist, zeigt ein aktueller Beitrag der NZZ):

    In der theoretisch nach wie vor gültigen Sicherheitsdoktrin aus dem Jahr 2001, damals ausgearbeitet unter der Mitte-Rechts-Koalition von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, wurde festgehalten, dass die «klassische Neutralität» durch den österreichischen EU-Beitritt im Jahr 1995 obsolet geworden sei. Durch seine vorbehaltlose Mitwirkung an der gemeinsamen Sicherheits- und Aussenpolitik der EU habe Österreich seinen Status der dauernden Neutralität nachhaltig verändert; man müsse nunmehr korrekterweise von einem «allianzfreien Staat» sprechen.

  2. Francois Villard sagt:

    Je dois dire que cette affirmation n’a pas été vérifiée par les faits. En effet, la France a souvent eu des visées sur la Suisse. Dans les manoeuvres Armée 61 et aussi dans les discussions on a évoqué la possibilité pour la France de pénétrer en territoire suisse pour contourner l’adversaire ou aussi pour aller au devant de l’ennemi rouge en partant de l’hypothèse que la défense suisse était trop faible. D’ailleurs la construction des forts français depuis Genève (Fort de l’Ecluse, fort des Rousses, jusqu’au fort du Lomon (en face du canton du Jura) conforte cette analyse.
    Enfin par le passé on peut aussi évoquer la traversée des armées Napoléoniennes pour nous conforter dans l’idée que toutes les flèches ne venaient pas de l’Est.

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