Portrait eines Gst Of: Patrick Daepp

Der 35jährige KMU-Inhaber und Major im Generalstab hat in der Armee Führungskompetenzen erworben, von denen er auch in seiner Baumschule profitieren kann.

«Armee ist praxisorientiert»
Quelle: Schweizerische Gewerbezeitung, 10. Juni 2011, Seite 3.

Gewerbezeitung: Obwohl Sie einen Betrieb mit 40 Mitarbeitenden führen, haben Sie bewusst den zusätzlichen Zeitaufwand, den eine Führungsposition in der Armee mit sich bringt, auf sich genommen. Warum?

Patrick Daepp: Durch das Führen und Motivieren von Soldaten konnte ich schon früh praktische Erfahrungen sammeln, die sich auch im zivilen Leben als KMU-Chef als wertvoll erwiesen haben. Wo sonst hat man die Möglichkeit, bereits mit 20 so viel Verantwortung zu übernehmen? Was ich in der Unteroffiziersschule gelernt habe, konnte ich anschliessend beim Abverdienen in der Rekrutenschule gleich umsetzen – bestens unterstützt von erfahrenen Kommandanten. Die Armee ist praxisorientiert. Ich lernte systematisch, taktisch und später auch strategisch zu denken und zu handeln. Einerseits bin ich frei in der Entscheidung, welche Prioritäten ich setzen will, andererseits muss ich mich an Vorgaben und Gesetze halten. Und wie im Betrieb fällt Papierarbeit an.

Wie gross ist die Gefahr, dass man einen militärischen Führungsstil annimmt, der im Betrieb negative Reaktionen auslöst?

Falls Sie damit auf einen preussischen Militärdrill anspielen, kann ich Sie beruhigen. Dieser ist heute auch in der Schweizer Armee passé. Bislang hat sich weder im Militärdienst noch am Arbeitsplatz jemand über meinen Führungsstil beschwert. Hier wie dort gilt es, Rekruten beziehungsweise Angestellte einzubeziehen. Andererseits bin ich derjenige, der in heiklen Situationen schnell richtig reagieren muss – sowohl im militärischen Einsatzraum wie auch in der Baumschule.

Heute sind Sie Major im Generalstab, ab 2012 werden Sie das Infanteriebataillon 11 mit etwa 1000 Armeeangehörigen führen. Wie viel militärische Karriere macht für einen KMU-Chef Sinn?

Wer eine Brigade mit 6000 bis 9000 Mann führt, hat eine Führungsebene erreicht, wie er sie nur bei einer Grossfirma vorfindet. Ich habe meine militärische Laufbahn so nie geplant. Aber als man mich dafür vorschlug, ein Bataillon zu führen, wurde mein Ehrgeiz geweckt. Ich war neugierig, ob ich diese schwierige Herausforderung packen würde. Dass es geklappt hat, ist eine grosse Genugtuung.

Wie bringen Sie Beruf und Militär unter einen Hut?

Das klappt gut. Natürlich muss ich mir anderswo Zeit «stehlen». Ich opfere aber eher Freizeit als Zeit fürs Geschäft. Im Unternehmen bin ich so organisiert, dass ich auch mal fehlen kann. Ich leiste pro Jahr sechs Wochen Dienst, auf die ich mich im Vorfeld umfassend vorbereiten muss. Dieser Zeitaufwand beträgt insgesamt wohl auch sechs Wochen. Die ausserdienstlichen Arbeiten nehmen wegen der ständigen Neuerungen eher zu.

Sie scheinen mit der Armeeorganisation nicht gänzlich zufrieden zu sein?

Die dauernden Umstrukturierungen und Neuerungen bringen das Milizsystem an seine Grenzen. Wer einen Beruf ausübt, hat nur beschränkt Zeit für die Armee. Der Wechsel zur Armee 21 hat Vor- und Nachteile mit sich gebracht. Die militärische Ausbildung ist leider theoretischer geworden, der praktische Dienst drohte vernachlässigt zu werden. Dagegen hat die Armeeführung zwar jüngst Massnahmen ergriffen, aber ob diese ausreichen, weiss ich nicht. Dagegen ist besser, dass seit 2004 jährlich statt nur jedes zweite Jahr Dienst geleistet wird. Beim 2-Jahres-Rhythmus ging jeweils zwischen den einzelnen WKs zu viel Wissen verloren. Mein Hauptkritikpunkt ist aber, dass es derzeit an einer übergeordneten Strategie für die Armee fehlt. Wir, sprich die Politik, müssen einen Konsens finden, was für eine Armee wir überhaupt wollen. Das soll aber kein Appell für eine Berufsarmee sein. Im Gegenteil, ich bin überzeugt, dass eine Berufsarmee nicht effektiver wäre, sondern Gefahr laufen würde, berufsblind zu werden. Die Milizarmee leistet gute Arbeit.

Dennoch. Welche «militärischen Baustellen» bestehen aus KMU-Sicht?

Die Armee hat noch nicht ganz begriffen, wie die Gesellschaft im Umbruch ist. Nicht selten fehlt von Seiten der Berufsmilitärs das Einfühlungsvermögen oder manchmal auch der Wille, um sich in die Situation der Milizoffiziere hineindenken zu können. Berufliche Weiterbildung ist heute gang und gäbe. Dazu gilt es auch noch Familie und ehrenamtliche Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen. Wie aber lässt sich dies alles planen, wenn die Entscheide über die militärische Laufbahn sehr kurzfristig gefällt werden? Eine fünf- bis zehnjährige Zukunftsplanung wie in der Wirtschaft ist bei der Armee leider nach wie vor selten. Schade, dass sich Armee und Zivilleben nicht besser aufeinander abstimmen lassen. Und selbst für mich gilt: Das Geld verdiene ich immer noch im Beruf.

Warum sollte ein KMU-Chef bei einer offenen Stelle einem Unteroffizier oder Offizier den Vorzug geben, wenn er doch weiss, dass dieser mehrere Wochen im Jahr fehlen wird?

Wenn ich ein neues Teammitglied auswählen muss, ist die militärische Führungsausbildung des Kandidaten oder der Kandidatin nur ein Kriterium von vielen – aber ein wichtiges. Die militärische Erfahrung kann zwar nie die Fachausbildung ersetzen, aber sie kann eine wertvolle Ergänzung dazu sein. Sie ist ein Beleg dafür, dass jemand führen und auch unter Zeitdruck Probleme lösen kann.
Zudem sollte auch der staatspolitische Aspekt nicht vergessen gehen. Jemand muss schliesslich Dienst leisten. Die Armee ist nach wie vor die einzige strategische Reserve in unserem Land. Auch ich rechne nicht damit, dass es in den nächsten Jahren einen Krieg gibt. Aber wer hätte vor ein paar Monaten gedacht, dass es in den arabischen Ländern zu solchen Umwälzungen kommt? Die Armee ist die Versicherung, die unser Land abgeschlossen hat. Und wir dürfen nie vergessen: Die Schweiz wurde einst ein beliebter Bankenplatz, weil die Sicherheit im Land langfristig garantiert war.

Inwiefern können Sie wirtschaftlich vom in der Armee erworbenen Beziehungsnetz profitieren?

Für mich war beispielsweise nützlich, dass ich im Dienst einen Juristen und einen Bauspezialisten kennengelernt habe. Da die Armee aber viel kleiner ist als früher, hat die Bedeutung des Beziehungsnetzes etwas abgenommen.

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Patrick Daepp ist seit 2005 Inhaber und Geschäftsführer von Gartenpflanzen Daepp. Das Familien-KMU wurde 1875 im bernischen Oppligen gegründet und ist seit 1936 in Münsingen ansässig. Daepp führt es in der 5. Generation. Die Firma beschäftigt 40 Mitarbeiter, die sich insgesamt 31 Ganzjahres-100%-Stellen teilen. Das Team produziert und vermarktet auf 19 ha Fläche alle Pflanzen für den Garten. Patrick Daepp ist in der Armee Major im Generalstab (Maj i Gst) und zurzeit Chef der Nachrichtenbeschaffung der Infanteriebrigade 5 (C Na Besch Inf Br 5).

Ab 1.1.2012 wird er das Infanteriebataillon 11 führen. Er engagiert sich auch für seine Branche und allgemein für das Gewerbe: So ist er Vizepräsident der Fachgruppe Baumschulen von Jardin Suisse und Vorstandsmitglied des Gewerbevereins Aaretal.

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2 Kommentare zu Portrait eines Gst Of: Patrick Daepp

  1. Es stimmt zuversichtlich für die Zukunft von Kadern unserer Armee, wenn es sie noch gibt, die Gst Of mit Bodenhaftung. Maj i Gst Deapp hat seine Laufbahn aus tiefer innerer Überzeugung eingeschlagen und die Werte erkannt, welche eine Offizierslaufbahn auch für einen KMU-Verantwortlichen geben kann. Seine Einstellung zur Sache erinnern mich an unsere Zeit des kalten Krieges. Damals wussten wir, wofür wir stehen. Heute ist das sehr viel schwieriger. Umso erfreulicher sind Lichtblicke, wie sie Maj Deapp mit seinem Artikel vermittelt.

  2. Urban Müller Freiburghaus sagt:

    Lieber Patrick

    Herzliche Gratulation zu Deinem neuen Schritt zum Bat Kdt! Du hast mich und viele andere stets durch Deine bescheidene aber bestimmte Art zu überzeugen vermögen – nun wirst Du sie wieder vielen anderen zur Verfügung stellen können. Ich bin überzeugt, dass die Truppe und insbesondere das Inf Bat 11 von Deinen Inputs nun viel profitieren können wird!

    So wünsche ich Dir ganz viel Bestätigung bei Deiner neuen Funktion und natürlich auch den nötigen Biss und die nötige Kraft!

    Übrigens: Dein „spezieller Nadelbaum“ in unserem Garten gedeiht prächtig! ;-))

    Ganz herzliche Grüsse, Urban

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