Rückblick: Grossanlass zum Thema „Miliz Gst Of“

Am 27. Januar hat im Rahmen des Unternehmerforums Lilienberg (Ermatingen) eine ganztägige Veranstaltung zum Thema „Miliz Generalstabsoffizier“ stattgefunden. Vier Generalstabsoffiziere (Gst Of), die sich im Verlaufe des letzten Jahres vertieft mit der Thematik der „Miliz Generalstabsoffiziere“ befasst haben, haben erste Erkenntnisse präsentiert und zur Diskussion gestellt. Dabei standen folgende Themen im Vordergrund:

  • ‚Motive Generalstabsoffizier zu werden‘ (Major i Gst Markus M. Müller),
  • ‚Relevanz des Milizsystems auf die Generalstabsoffiziere bezogen‘ (Oberst i Gst Christoph Grossmann),
  • ‚Spannungsfeld zwischen Militär- und Berufswelt‘ (Major i Gst Jean-Pierre Krause),
  • ‚Wie gewinnen wir Generalstabsoffiziere?‘ (Oberst i Gst Heinz Wegmüller).

Die Ausgangslage ist an sich klar. Der Anteil an Gst Of, die entweder in der Privatindustrie oder selbständig erwerbend sind, ist in der Armee XXI markant zurückgegangen und bewegt sich noch in der Grössenordnung von 15 – 20%  vom Gesamtbestand der Generalstabslehrgänge I und II. Was spontan als Verlust bedauert wird, erweist sich in vertiefter Analyse als Symptom einer ausserordentlich vielschichtigen Thematik, die nach wie vor Emotionen zu wecken vermag, denn sie betrifft direkt Fragen rundum unsere Milizarmee.

Der Gst Of als verlängerter Arm der Verwaltung?
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Generalstäbe mehr und mehr zum verlängerten Arm der Verwaltungen werden. Auch im militärischen Kontext scheint es immer mehr um unscheinbares und anonymes Verwaltungshandeln zu gehen. Da aber Verwaltungshandeln geregelten Bahnen folgt, kann der Eindruck entstehen, dass die mit dem Milizsystem einhergehende Vielfalt höchstens noch in kleinem Umfang erwünscht ist. Dabei ist man sich einig, dass nur das Milizsystem Diversität bietet. Sollten die „echten“ Miliz-Gst Of der Armee fehlen, dann würde es der Armee im besten Sinn des Wortes an Fachkompetenz für die Zukunftsgestaltung fehlen.

Der Gst Of als homo oeconomicus?
Mehr auf der praktischen Seite wurde der Gst Of als homo oeconomicus betrachtet, der mit seiner Zeit haushälterisch umgehen muss. Es geht um das Setzen von Prioritäten, die er aufgrund einer Kosten-Nutzen Analyse setzt. In der militärischen Ausbildung sind die Kosten als Opportunitätskosten zu bezeichnen, die daraus entstehen, dass die Ressource Zeit nur ein Mal und nicht für anderes Nutzenstiftendes eingesetzt werden kann. Dieser Nutzen scheint es zu sein, der für den Entscheid für oder wider eine Generalstabslaufbahn den Ausschlag gibt.

Neue Aspekte brachte die Präsentation der Auswertung einer Online-Umfrage beim Gros der Gst Of. Vergleichen Sie bitte dazu den eigenständigen Blog-Beitrag zu diesem Thema.

Erkenntnisse aus persönlichen Gesprächen
Mehr im Sinne eines „Werkstattberichtes“ wurden die Erkenntnisse dargelegt, die sich aufgrund zahlreicher Gespräche mit potentiellen Kandidaten für die Generalstabsoffizierslaufbahn oder jungen Gst Of ergeben haben. Es lässt aufhorchen, wenn Aufgaben, Rolle aber auch Werdegang eines Gst Of vielen potentiellen Kandidaten unbekannt sind, wenn die Nachwuchsförderung in den Grossen Verbänden sehr unterschiedlich gehandhabt wird, dass bei vielen Milizkadern der Eindruck vorherrscht, dass in der Armee XXI nur Berufsmilitärs Gst Of werden können oder wenn Zweifel daran bestehen, ob es wirklich gelingt, die Besten für die Gst Of Laufbahn zu gewinnen.

Die sich jeweils im Anschluss die verschiedenen Impulsreferate ergebenden Diskussionen haben eindrücklich gezeigt, dass die oberflächliche Feststellung, dass der Anteil an „echten“ Miliz Gst Of abnehmend ist, nur ein erster Schritt ist. Es ist aber sehr viel anspruchsvoller, Remedur zu schaffen. Oder mit den Worten von Oberst i Gst Christoph Grossmann: „Wenn es ein echtes Milizsystem geben soll, ist es – auch für Gst Of – relevant zu gestalten“.

Politik / Wirtschaft / Armee
Am gleichen Tag, gewissermassen als Abschluss des Workshops, hat ein Gespräch mit externen Gästen stattgefunden. Je ein Vertreter aus der Politik (Nationalrat Peter Malama, Basel-Stadt) und der Wirtschaft (Dr. Rolf Dörig, Swiss Life Holding AG) haben die stets kleiner werdende Anzahl von Miliz Generalstabsoffizieren (Gst Of) in der Armee aus ihrer Warte beleuchtet und das Spannungsfeld in der heutigen Zeit angesprochen. Zwei Vertreter der Armee (Brigadier Daniel Keller, Kdt Infanteriebrigade 5, und Brigadier Rolf Oehri, Kdt Generalstabsschule) haben einerseits aus der Sicht des „Nutzers“ anderseits als hauptverantwortlicher Ausbilder ihren Standpunkt dargelegt.

Handlungsbedarf auf der sicherheitspolitischen Stufe
Sowohl Nationalrat Malama als auch Dr. Dörig sind sich darin einig, dass die gesellschaftliche Wertschätzung militärischer Führungserfahrung sinkt, insbesondere auch seitens der Privatwirtschaft. Grundsätzlich erkennt Nationalrat Malama erheblichen Handlungsbedarf in der schweizerischen Sicherheitspolitik. Er fordert klar, dass dem Parlament in sicherheitspolitischen Fragen mehr Kompetenzen eingeräumt werden müssten, wobei er auf die Frage, ob denn das Parlament effektiv mehr Kompetenzen wolle, einräumt, dass dies bei weitem nicht sicher sei. Alles ist daran zu setzen, dass die zurzeit bestehende Blockade in der Sicherheitspolitik ein Ende findet. Das würde aber auch bedingen, dass sich unter den Parlamentariern wieder vermehrt solche mit einer Generalstabsausbildung befinden müssten.

Neudefinition des Gst Of
Dr. Dörig fordert eine Optimierung der Wertschöpfung zwischen militärischer und ziviler Ausbildung. Klar ist seine Aussage, wonach der „Gst Of neu definiert“ werden muss. Unbestritten bleibt die notwendige Grundausbildung. Aber in den fortgeschrittenen Lehrgängen ist vom rein militärischen Wissen und Können Abstand zu nehmen und ein „generelleres, über die Armee hinausgehendes Know-how“ anzuvisieren. Mit anderen Worten, Dörig plädiert für eine neue Umschreibung der Ausbildungsschwergewichte.

Standpunkt des „Nutzers“
Brigadier Keller bricht eine Lanze für eine möglichst breite Rekrutierungsbasis, um Qualität und Quantität im Korps der Gst Of zu erhalten. Einem ausgewogenen Mix aus Berufsoffizieren und Milizoffizieren ist hohe Beachtung zu schenken. Im Übrigen tritt Brigadier Keller für einen bewussten Werterhalt im Korps der Gst Of ein; das Ziel darf nicht sein „Gst Of werden“, sondern „Gst Of sein“.

Standpunkt des Chefausbilders
Brigadier Oehri legt sachlich die Grundlagen dar, auf denen er sich als verantwortlicher Ausbilder abzustützen hat. Zahlreich sind die Selektionshürden, die ein Kandidat auf die Gst Of Laufbahn zu nehmen hat. Gegenüber früher wurden wesentliche Fortschritte in der Qualitätssicherung gemacht. Eindeutig ist seine Aussage, was den zu erzielenden Mehrwert der Gst Ausbildung betrifft: im Zentrum steht die Armee. Der zivile Mehrwert ist und bleibt ein Nebenprodukt, „wenn auch – für eine Milizarmee – ein sehr wertvolles“.

Fazit:

  • In der schweizerischen Sicherheitspolitik bleibt die Lage schwierig, was u.a.. auch Auswirkungen auf die Bereitschaft junger Kader hat, sich in der Armee zu engagieren,
  • Politik und Wirtschaft fordern eine neue Ausrichtung der Generalstabsoffiziersausbildung, insbesondere für die höheren Lehrgänge,
  • Alle Exponenten sind sich im Grundsatz einig, dass der eigentliche Mehrwert einer Generalstabsausbildung sowohl militärisch als auch für das Zivile unbestritten ist,
  • Was hingegen die Vermittlung des Mehrwertes der Generalstabsausbildung betrifft, so besteht echter Handlungsbedarf. Da ist die Armeeführung aufgerufen aktiv zu werden.
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