Smart Tech statt High Tech (8a): Führungsinformationssysteme

Überlegungen zu einer asymmetrischen Wehrtechnologiestrategie
von Franz Betschon*

Teil 8a: Gedanken zu den Führungsinformationssystemen

Das Debakel rund um die Führungsinformationssysteme der Armee ist bekannt, es darf mittlerweilen angesprochen werden, ohne sofort als Besserwisser diffamiert zu werden. Ein stringentes Projektmanagementsystem und ein entsprechendes Controlling hätten eigentlich die vielen Pannen verhindern können. Ein Blick in die Meilensteindokumentation würde sofort die Verantwortlichkeiten  ausweisen. Es scheint, dass einige Verantwortungsträger gerne von einem Druckknopfkrieg träumen, wie ihn  zum Beispiel die USA mit ihren Kampfdrohnen in Pakistan von Florida (!) aus führen: Eine Runde Bildschirmgame abgelöst durch eine Runde Golf am Strand.

In einem offensichtlichen Gefälligkeitsartikel schreibt zwar die Weltwoche am 5.11.09 noch, dass selbst „ausländische Experten, der Schweiz für das ISTAR-Projekt Anerkennung und Respekt zollen“. Wer sind denn diese ausländischen Experten und wofür genau zollen sie der Schweiz hohen Respekt? Wenn doch die Idee so gut war, warum können denn schweizerische Experten uns nicht selber überzeugen? Die Weltwoche schreibt auch, dass „zentrale Instrumente für die künftige Verteidigung in Frage“ gestellt würden durch das „Zurückbuchstabieren des VBS“. Weiter schreibt sie auch, dass dies „die sukzessive Rückentwicklung der Streitkräfte“ bedeute. Wie anders, bitte, wäre denn die gegenwärtige Entwicklung der Schweizer Armee mit den täglich neuen Hiobsbotschaften zu deuten?

Wie viel Geld wirklich in den Sand gesetzt wurde mit inkompatiblen oder unnützen Systemen, ist eigentlich nicht mehr relevant, das Geld ist verpulvert. Man spricht von bis zu 4 Milliarden. Solche Systeme sind heutzutage keine grosse technische Herausforderung mehr. Das Resultat macht jeden Eingeweihten fassungslos, sind doch in früheren Jahren in der Schweiz Führungssysteme, etwa für die Luftwaffe, geschaffen worden, die anderen, ausländischen teilweise um bis zu 10 Jahren voraus waren (Buch: „Erinnerungen an die Armee 61“, Huber Verlag, S.247). Die Systeme FLORIDA, FLINTE und FLORAKO wurden von Teams geschaffen bestehend aus Milizoffizieren aus der Industrie, der damaligen GRD und einem visionären HSO, der später KKdt wurde. EUDONA, das Vorwarnsystem des strategischen Nachrichtendienstes gehört in dieselbe Kategorie. Auch das PISA hat bestens funktioniert, ehe man es ersetzte. Die Armeelogistik schlägt sich schon längere Zeit  mit einem ERP-System herum, das in vielen grossen Unternehmen der Schweiz bereits klaglos funktioniert, dem SAP. Auch in der Schweiz wären andere bewährte ERP-Systeme erhältlich gewesen, zum Beispiel von ABACUS in St.Gallen. Die meisten davon lösten ein anderes System ab, ohne dass auch nur die geringsten Probleme sichtbar wurden. Die Erklärung dafür ist einfach. Ein ziviles Unternehmen gefährdet seine Existenz, wenn das ERP nicht funktioniert.

Ob die obenerwähnten Systeme der Luftwaffe noch in Betrieb sind, weiss der Verfasser nicht. Mindestens hätten sie ersetzt werden müssen, denn die zentrale Einsatzleitung der Luftwaffe kann nicht anders erfolgen. Dass das Heer auch den Wunsch hat, zeitverzugslose und präzise Lagedarstellungen während dem Gefecht zu bekommen, ist verständlich. Dies zumal man mit zivilen Online-Games schon Massstäbe hat und Software zur Verfügung steht, die deutlich billiger und handelsüblich ist.  Also wurde unter anderen das FIS Heer definiert, aber bei der Wahl der Komponenten und Unterlieferanten ist man offensichtlich weit über das Ziel hinausgeschossen (was nichts wert ist…?). Achtung: Solche Systeme verführen zum Mikromanagement, die Kampfgruppenführung könnte die Tendenz entwickeln, sich in die untersten Entscheidungsebenen einzumischen und so von der bewährten Auftragstaktik abzuweichen.

Eine Ausnahme im Bereiche der Informatiksysteme der Armee, auf die wir stolz sein können, bilden derzeit die Simulatoren aller Art.

* Franz Betschon, Dipl. Masch. Ing. ETH, Dr. sc. Techn. ETH durchlief eine Industriekarriere und sitzt heute in diversen Verwaltungsräten. Er hat mehrere Bücher über Sicherheitspolitik verfasst. Militärisch war er u.a. Chef Sektion Operationen im Stab FF Trp, USC Log im Stab FF Trp und zuletzt Gst Of im Stab USC ND im Range eines Oberst i Gst.

Der nächste Teil beschäftigt sich mit „C4ISR

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