Smart Tech statt High Tech (8b): Low-Cost C4ISR

Überlegungen zu einer asymmetrischen Wehrtechnologiestrategie
von Markus M. Müller*

Teil 8b: Gedanken zu einer Low-Cost-Rüstung im Bereich C4ISR

Es gab schon immer in der Militärgeschichte grössere Umbrüche in der Wehrtechnologie: Mit Feuerwaffen konnte man sich den Gegner auf grössere Distanzen halten und brauchte sich nicht mehr mit Schwertern zu duellieren; die dicken Mauern boten mit der Erfindung der Bogenschuss-Artillerie plötzlich keinen Schutz mehr, und die Kavallerie wurde in der offenen Schlacht durch Panzer niedergewalzt. Vermutlich sind wir wieder an einem solchen Paradigmawechsel angekommen. Dieses Mal ist es die Information, die plötzlich kaum noch geheim gehalten werden kann und innert Augenblicken der ganzen Welt zur Verfügung steht. Dies bietet – wie immer – Chancen und Risiken. Noch werden die Risiken überbewertet und die Chancen nicht gesehen, geschweige denn gepackt.

Bevor man sich um Alternativen für die Führung von Verbänden kümmern will, sollte man überlegen, wie sich heute eine mögliche Gegenseite (Typ: Aggression unterhalb der Kriegsschwelle, paramilitärisch organisierte Verbände im Inland) organisieren würde. Da kommen dem modern ausgerüsteten Geschäftsmann sofort die Möglichkeiten aus den „Sozialen Medien“ des Internets in den Sinn – also Google Apps, YouTube, Twitter, Blogs, iPhones und dergleichen. Stellen wir uns also ein Führungsinformationssystem mit den heute (Herbst 2010) verfügbaren Mitteln zusammen, welches obendrein praktisch nichts kostet, weil die meisten Applikationen gratis oder für wenig Geld verfügbar sind.

Informationsaustausch:
Mit den kleinen mobilen Alleskönnern (z.B. iPhones) sind fast sämtliche im Internet verfügbaren Informationen jederzeit und überall erreichbar. Verschiedene Quellen (Blogs und Twitterfeeds, Kalender und Adressbücher, Bilder Audio und Video) werden über günstige Applikationen zu einem Strom an Informationen zusammengeführt und können – analog diesem Blog – abonniert werden. Alles ist innert Sekunden weltweit verfügbar. Man muss daher davon ausgehen, dass eine gut vernetzte Organisation jederzeit über alles im Bild ist und ausgewählte Informationen (zu welchen Zwecken auch immer) den Massenmedien zustellt oder auf eigenen Webseiten veröffentlicht. Die so publizierten, vielleicht absichtlich herbeigeführten Verfehlungen eines einzelnen Soldaten können die ganze Armee in Misskredit bringen und den Einsatz politisch gefährden.

Wo Plattformen oder Accounts von staatlichen Stellen gesperrt werden (vgl. aktuelle Diskussionen um Facebook in der Verwaltung), sind innerhalb von Minuten neue Hubs errichtet und mit allen Teilnehmern vernetzt – eine digitale Hydra breitet sich aus. Dazu sind möglichst viele, unterschiedliche Plattformen zu nutzen, um von keiner abhängig zu werden. Redundanz und Geschwindigkeit sind entscheidend. Nur mit einer „Abschaltung“ des Internets, lokaler Teile (Mobilnetze) oder deren Überlastung wäre das „Ungeheuer“ zu zähmen. Das ist bei einer vernetzten Gesellschaft und Wirtschaft – wir legen ja ein „Raumsicherungsszenario“ zugrunde – kaum vorstellbar und stellt die ursprüngliche Absicht des Internet-Urahnen (ARPANET: Kommunikation auch nach einem Atomangriff) in Abrede.

Lagedarstellung:
Mittlerweile können alle oben beschriebenen Informationen auch auf Karten und Satellitenbildern bzw. auf virtuellen 3D-Modellen (google maps/earth) dargestellt und dynamisch verknüpft werden. Diese Ebenen („Layer“, früher „Kalks“) können auf modernen Geräten auf Karten appliziert und nach eigenen Bedürfnissen ein- und ausgeschaltet werden. Die Nachführung geschieht in Echtzeit, denn die meisten Endgeräte verfügen heute über einen GPS-Chip.

Es erstaunt, dass die „hauseigenen“ iPad/iPhone Apps von swisstopo, dem Kompetenzzentrum für Karten, bisher 1) nicht allen Offizieren im vollen Umfang (mit allen Karten) gratis abgegeben werden und 2) nicht mit Funktionen versehen werden, um Lagedarstellungen aus dem FIS oder anderen Providern zu integrieren. Nach Auskunft der verantwortlichen Stelle hat man „bisher noch nicht daran gedacht“.

Führung, Ausbildung und Knowledgemanagement:
Anführer einer solchen paramilitärischen Zelle würden vermutlich nur Mottos und Zielsetzungen vorgegeben. Möglicherweise würde sogar eine Art von „Wettbewerb“ für die effizienteste, niederträchtigste Variante der Sabotage entstehen, wobei die Anführer Preisgelder aussetzen. Die verschiedenen „Aktionszellen“ organisieren sich danach selbst. Sie suchen sich die Spezialisten für Sprengstoff, B- und C-Kampfstoffe, Waffen und dergleichen z.B. auf Tauschbörsen oder Dating-Plattformen, wo hinter abgemachten Stichworten nicht erotische Vorlieben, sondern gefechtsmässige „Kompetenzen“ versteckt sind. Genauso wie sich heute „Flashmobs“ im Internet organisieren und an öffentlichen Orten eine – meist politisch oder sinnfreie – Aktion durchführen, können sich gegnerische Gruppen spontan treffen. Erfahrungen aus Einsätzen werden in Wikis erfasst und ergänzt. Alternativ bedient man sich der online abgelegten Dokumente bei google docs oder synchronisiert Dokumente über die Dropbox.

Reality-Check:

  • Die Polizei stellt lakonisch fest, dass sie den Möglichkeiten des Internets nicht mehr gewachsen ist: „in allen Phasen eines Verbrechen spiele mittlerweile «die anonyme, verschlüsselte, weltweite Kommunikation über das Internet in Schrift, Bild und Ton eine entscheidende Rolle»“ (Quelle: fedpol / 20min.ch)
  • Dass gewisse heikle Informationen nicht übers (öffentliche) Internet ausgetauscht werden müssen, zeigt der Fall aus den USA: „Die schöne Maklerin begab sich dazu an einen öffentlichen Ort mit W-Lan, baute mit ihrem Laptop ein Ad-hoc-Netzwerk auf. Der zweite russische Agent loggte sich ein und kam so an die vermeintlichen Geheiminfos. Einen direkten Kontakt gab es nicht.“ (Quelle: Blick Online)
  • Die „Piratenpartei“ – mittlerweile auf der ganzen Welt vertreten – organisiert sich fast ausschliesslich im Netz.

Erkenntnisse

  • Die Gegenseite organisiert sich nicht von oben nach unten, sondern von unten zur Seite und dann erst nach oben.
  • Mit rechtlichen Mitteln ist der Hydra kaum Herr zu werden. Zu sehr müssten Freiheiten eingeschränkt werden. Ein Erfolg steht kaum in einem günstigen Verhältnis zum Aufwand.
  • Es nützt nichts, sich der neuen Technologie zu verschliessen. Am Schluss gewinnt jener, der die neuen Mittel intelligenter/besser/schneller anwendet.
  • Informationen werden dezentral und länderübergreifend (cloud computing) gespeichert und verarbeitet. Der Ort ist irrelevant. Es sind keine Server zu bewachen, das Klumpenrisiko ist minim.
  • Entscheidende Faktoren sind die Organisation der Information sowie die Erfassungs-, Verarbeitungs- und Distributionsprozesse.
  • Ein oben beschriebenes Vorgehen der Gegenseite kann als ’sehr wahrscheinlich‘ eingestuft werden.
  • Das Wissen über solche Möglichkeiten ist in unserer Armee – nach meiner beschränkten Erfahrung – mangelhaft und wurde bisher in keiner Stabs- oder Truppenübung integriert (wenn doch, bitte Feedback!), bzw. wurde mit politischen Begründungen abgelehnt.
  • Die Armee nutzt die Mittel nicht für sich selbst, sondern verbietet sie (Videoverbot). Andere Armeen nutzen die Plattformen aktiv (Das Deutsche Bundesheer ist auf YouTube vertreten; Andere sind schon länger dabei).
  • Die traditionellen, militärischen FU-Mittel sind zwar in der Übertragung sicher und robust, im Einsatz jedoch zu wenig stabil, in der Menge zu gering, kaum miliztauglich (vergleichen Sie Design und Benutzerführung eines iPhones mit dem eines SE-240, oder für die es kennen: FIS Heer mit google maps) und v.a. in der Beschaffung und im Unterhalt teuer.
  • Durch Information in Raum und Zeit verliert die Kraft an Bedeutung: Ein unter einem Tarnnetz versteckter Sensor oder Effektor verliert im Augenblick seiner Erkennung einen erheblichen Teil seines Kampfwerts, da seine Position der gesamten Gegenseite bekannt ist und er innerhalb kurzer Zeit ausgeschaltet werden kann.
  • Mit dem eingeführten FIS Heer wird eine herkömmliche Armee mit herkömmlichen Abläufen geführt, obschon die neuen Mittel andere – nicht geprüfte – Ansätze ermöglichen.
  • Ob durch eine solche Vernetzung die militärische Hierarchie noch passend ist, wird sich weisen. Vermutlich wird damit der Weg zur „network centric“ Armee geebnet. Bei einer konsequenzen Umsetzung wären grössere Veränderungen unabdingbar – bis hin zum „internen Wettbewerb“, wer welchen Auftrag zu welchen Konditionen erfüllt.

Konsequenzen

  • Diese Möglichkeiten sind mindestens als Kompetenz aufzubauen, zu erschliessen und in Übungen zu integrieren, damit Erfahrungen gesammelt, festgehalten und gelehrt werden können.
  • Anstelle der Beschaffung monolitischer Hardware-Systeme sind Organisationsformen und Verfahren auf Basis verfügbarer Technologien zu entwickeln. Die Investitionen in das FIS sind einzustellen.
  • Das bei vielen Soldaten und Kadern verfügbare Wissen ist zu nutzen und weiterzubilden. Die Mittel der Miliz (Computer, Smartphones) sind zu nutzen und über eine Entschädigung (Miete) an den AdA abzugelten. Für die Endgeräte sind universelle Applikationen (vgl. UK) zu erstellen.
  • Die Kader aller Stufen sind in den Mitteln auszubilden, um selbst eine Vorstellung der Möglichkeiten der Gegenseite zu erhalten.
  • Der Kampf gegen Videos und Bilder von Armeeangehörigen im Internet ist aufzugeben. Das Problem ist bei der Wurzel (schlechte Führung, zu wenig anspruchsvolle WK, fehlende Ausb Mittel) zu packen und nicht bei den Symptomen (Videoaufnahmen). Stattdessen sind Eigenproduktionen zu publizieren und die Mittel der Miliz zu nutzen.

Früher galt die Aussage: „Hinter jedem Baum ein Soldat“. Vielleicht heisst es morgen: „An jedem vernetzten Gerät ein Sensor der Armee.“ Damit wären wir wieder bei der Regel: „Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee“.

* Markus M. Müller, lic. oec. HSG, studierte Informations-, Technologie-, Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Online Kommunikation und neuen Technologien und ist heute selbständiger Berater für Neue Medien. Militärisch ist er im Stab Inf Br 5 eingeteilt und hatte zuletzt als Maj i Gst die Funktion des G5 iV inne.

Im letzten Teil werden ein paar abschliessende Bemerkungen vorgestellt. Anschliessend planen wir Reaktionen zum Beitrag zu publizieren.

Alle bisher publizierten Beiträge finden Sie direkt unter http://blog.ggstof.ch/forum bzw. dem Schlagwort „SmartTech

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5 Antworten auf Smart Tech statt High Tech (8b): Low-Cost C4ISR

  1. Markus M. Müller sagt:

    Reality Check, 5. Dezember 2010:
    Massenhafte Kopien
    Web-Aktivisten bringen WikiLeaks in Sicherheit

  2. Markus M. Müller sagt:

    Reality Check, 10. Dezember 2010:
    Die unendlich grosse Tube

  3. Markus M. Müller sagt:

    Army wants to equip all soldiers with an Apple iPhone or Android phone.
    „The Army has also used Macs in its IT infrastructure to deter potential hacking attempts“

  4. Markus M. Müller sagt:

    Die U.S. Army hat ihr offizielles Handbuch zum Umgang mit Twitter und Co. modernisiert. Beim Schweizer Militär will man davon nichts wissen.
    vgl. 20min.ch
    #schade

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