Smart Tech statt High Tech (1): Einleitung

Überlegungen zu einer asymmetrischen Wehrtechnologiestrategie
von Franz Betschon*
Teil 1: Einleitung

Nachdem diese Untersuchung bereits geschrieben war, stiess der Verfasser im „Bericht des Bundesrates an die Bundesversammlung über die Sicherheitspolitik der Schweiz“ (Entwurf vom 5.3.10) auf Seite 7 auf folgenden bemerkenswerten Satz: „Es ist denkbar, dass die schweren Mittel heutiger Streitkräfte wie Panzer, Artillerie und bemannte Kampfflugzeuge dereinst an Bedeutung einbüssen und Staate . .  andere Mittel entwickeln, um ihren Willen gegen den Widerstand einer anderen Partei durchzusetzen“. In einem sicherheitspolitischen Nachrichtenblatt vom 17. 05. 10 findet sich ausserdem folgender Hinweis, der in dieselbe Richtung weist: US-Verteidigungsminister Gates zweifelt, ob angesichts der gewaltigen Kosten sich die US-Navy noch Fregatten, grosse U-Boote oder Flugzeugträger leisten kann, die mit billigeren Mitteln der asymmetrischen Kriegführung ausser Gefecht gesetzt werden können. Oder mit anderen Worten: Es wird auch anderorts in kleinen Thinktanks bereits intensiv an dem was hier postuliert wird, an einer asymmetrischen Wehrtechnologie, herum gedacht. Diese nachträglichen Hinweise seien trotzdem an den Beginn dieser Überlegungskette gestellt.

Im Folgenden sei  von der Feststellung ausgegangen, dass seit dem zweiten Weltkrieg keine grossflächigen Panzer- oder Luftschlachten mehr stattgefunden haben und trotzdem bereiten sich die meisten Armeen dieser Welt weiterhin darauf vor und rüsten entsprechend. Sie bereiten eigentlich  den „guerre de grand-papa“ vor (Ch. Keckeis in „l’Hebdo“ vom 25.2.2010). Die Beispiele, die dabei angeführt werden, um diese Rüstung zu begründen,  etwa die sogenannte „Luftschlacht im Bekaa-Tal“ (Libanon 1982), die „Panzerschlacht um die Golanhöhen“ (1967) etc., sind nur Scheinbeweise! Allein im Irakkrieg hat die US-Army Material im  Wert von ca. 300 Milliarden USD nicht im Kampf verloren, sondern verschlissen.

Dass daher die konventionellen Armeen vieler  Staaten aus finanziellen Gründen in einem schlechten Zustand sind, ist kein Zufall und soll noch keine Rechtfertigung für die Schweiz sein, es diesen gleich zu tun. Dass sich eine finanzielle  Irrsinnsspirale dreht, versteht sogar der einfache Bürger. Vorläufig glaubt er zwar noch, dass dies eben der Lauf der Dinge sei, aber die Parlamente verweigern immer mehr die angeforderten Gelder.  Immer mehr übertragen unsere auslandabkommandierten Offiziere die konventionellen Rezepte ihrer Gaststaaten (meistens der NATO) einfach auf die Schweiz. Typisch schweizerische Lösungen haben es immer schwerer, realisiert zu werden.

Die Erfindung der asymmetrischen Kriegführung durch die alte Eidgenossenschaft hat ihr seinerzeit zu einem grossen Mass an Sicherheit und jahrhundertelangem wirtschaftlichen Wohlstand verholfen. Wieso soll die Schweiz jetzt nicht Vorreiter werden für eine ähnlich revolutionäre, asymmetrische  Wehrtechnologie, die finanziell nach unten nivelliert? SMART TECH statt HIGH TECH?

Wann begannen eigentlich die Fehlüberlegungen, die die Schweiz in die jetzige Sackgasse führten? Sie begann mit dem unverständlichen Bemühen, unsere Armee „NATO-kompatibel“ zu gestalten, mit zum Teil läppischen Auswirkungen. Sie wurden weitergeführt mit der Entfernung von Milizoffizieren aus den wichtigen Entscheidungsebenen und der Fixierung auf Bestände, statt auf  Kosten und Leistungen. Gleichzeitig verschwand auch das Verständnis dafür, was denn eigentlich genau ein schweizerisches „Milizheer“ war und immer noch sein sollte. Das VBS war seit dem Ende des Kalten Krieges allzu oft bereit gewesen, Bestände zu reduzieren, um mit diesem Aktionismus die Auftraggeber, die Politiker, zu beeindrucken und glauben zu lassen, dass das VBS  über den eigenen Schatten springt. Dies obschon den Fachleuten nicht entgangen sein konnte, dass man  Bedingungen schuf, die sich immer mehr gegenseitig ausschlossen. Die Überprüfung der Funktionstüchtigkeit der AXXI  in harten, realistischen Übungen wurde daher bis heute einfach unterlassen. Wichtig war eher, dass dauernde Veränderungen und Reorganisationen sichtbar waren. Das Resultat sind potemkinsche Dörfer.

Früher oder später wird auch die Schweiz wieder eine einsatzbereite und respektierte Armee brauchen, die mit einem robusten Auftrag das Gewaltmonopol des Staates durchsetzen kann. Auch die junge Generation muss wieder mit Überzeugung Militärdienst leisten können. Die nachfolgenden Überlegungen basieren natürlich auf vielen Vereinfachungen, um nicht in Scheingenauigkeit zu machen. Sie können auch eine Vollständigkeit nicht in Anspruch nehmen.

Der sicherheitspolitische Bericht 2010 steigerte die allgemeine Verunsicherung noch und auch Gegenvorschläge von an sich anerkannten sicherheitspolitischen Fachleuten, gehen immer noch von der Reparierbarkeit der AXXI aus. Die nachfolgenden Überlegungen sollten mindestens als Alternativen vollständig durchgeführt und quantifiziert werden, ehe sie verworfen werden.

* Franz Betschon, Dipl. Masch. Ing. ETH, Dr. sc. Techn. ETH durchlief eine Industriekarriere und sitzt heute in diversen Verwaltungsräten. Er hat mehrere Bücher über Sicherheitspolitik verfasst. Militärisch war er u.a. Chef Sektion Operationen im Stab FF Trp, USC Log im Stab FF Trp und zuletzt Gst Of im Stab USC ND im Range eines Oberst i Gst.

Der nächste Teil beschäftigt sich mit der Frage „Wie lange macht die bisher praktizierte Weiterentwicklung von konventionellen wehrtechnischen Systemen noch Sinn?

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3 Kommentare zu Smart Tech statt High Tech (1): Einleitung

  1. Christoph Grossmann sagt:

    Man darf auf kommende Ausführungen gespannt sein, denn die vorliegenden deuten eine ebenso regelmässig wiederkehrende wie untaugliche Romantik an, die weder mit den angeführten früheren Zeiten, noch mit realistischer Gegenwartsbetrachtung oder gar einer sinnvollen Zukunftsvision zu tun hat. Es sei an den Ostschweizer Artillerieoffizier und seine Postulate von 1860, erschienen im Winterthurer Verlag Ziegler, erinnert. Sicherheitspolitik und Armeegestaltung müssen auf sachlichen Analysen basieren und dürfen nicht Resultat ideologischer Verirrungen sein. Es geht nicht um symmetrische oder asymmetrische Optionen, sondern um integrale als konzertierte Antwort auf despotisches Verhalten. Dabei spielen alle Tech- und Touch-Arten, ob high, low oder smart eine gewisse Rolle. Wer dies nicht berücksichtigt, bleibt in einseitigen Szenarien hängen, die dann oft Schutz und Verteidigung gegeneinander ausspielen oder einseitige Allokation von Kapital und Arbeit beinhalten. Ausgereifte Optionen müssen eine bessere Qualität haben.

  2. Johannes Fischer sagt:

    Mit der Replik des Obersten i Gst Grossmann kann man nur gerade mit der ersten Hälfte seines ersten Satzes einverstanden sein, nämlich ‚Man darf auf kommende Ausführungen gespannt sein…‘. Merkwürdig, dass Grossmann die kommenden Ausführungen nicht abwarten kann und bereits jetzt schon nach der kurzen Einleitung dieser wertvollen Studie zum Zweihänder greift.

    Oberst i Gst aD Franz Betschon ist ein in einschlägigen Kreisen bekannter Autor von sicherheitspolitischen Studien und Büchern, wovon eines sogar ins Russische und Chinesische übersetzt worden ist. Er hat als Milizoffizier einen grossen Teil seines erfolgreichen Berufslebens in der weltweiten Wehrtechnikindustrie verbracht. Somit weiss er bestens, wovon die Rede ist.

    Die weit von der Sachlichkeit entfernte, auch beleidigende Ausdrücke aufweisende Replik Grossmanns, veranlasst zum Begehren an ihn, er möge doch seine Mandate als Unternehmensberater für das VBS offenlegen. Dies könnte möglicherweise Klarheit verschaffen über seine Beweggründe, Betschon bereits in seinen einleitenden Darlegungen so scharf und ohne auf das Thema echt Bezug zu nehmen, anzugreifen. Man merkt die Absicht und ist verstimmt: Die interessante Analyse soll, bevor sie als Ganzes dem Publikum vorliegt, von Anfang an diskreditiert werden.

    Es stellt sich die Frage, ob es nicht in jeder Hinsicht verfehlt ist, über Angelegenheiten der Sicherheitspolitik, die von entscheidender Bedeutung für das Land sind, unter Offizierskameraden auf diese unschöne Art und Weise zu diskutieren. Ich meine, Herr Oberst i Gst Grossmann hat mit seinen Ausführungen der Armee und dem VBS einen Bärendienst erwiesen.

    Oberst i Gst aD Johannes Fischer, Stans

  3. Christoph Grossmann sagt:

    Eine Duplik wird dann folgen, wenn der gesamte Text vorliegt. Zu unterstellten Stilfragen äussere ich mich nicht. In diesem Kontext rede ich ausschliesslich als Privatperson, die allerdings noch Milizdienst leistet.

    Richtigstellung:
    1. Als Unternehmensberater hatte ich Einsicht in den Enstehungsprozess von Armee XXI. Inzwischen nehme ich seit mehreren Jahren keine Beratungsmandate mehr im Bereich der Armee war.
    2. Bezüglich der Qualität der Übungen der letzten Jahre können die Aktiven nicht akzeptieren, dass Ihre Arbeit wider besseres Wissen verunglimpft wird. Der formulierte Anspruch ist vielerorts umgesetzt worden.

    Ich freue mich auf eine lebendige Diskussion zugunsten der Sache. Auf dass die besseren Argumente gewinnen mögen.

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