Stellenwert der Generalstabsoffiziere in Armee und Wirtschaft (2)

Bekanntlich wird im Rahmen des Aktionsfeldes „Sicherheit & Armee“ des Unternehmerforums Lilienberg (Ermatingen) im Zyklus 2009/10 der Frage nachgegangen, woran es liegen kann, dass die Anzahl der „klassischen“ Miliz-Generalstabsoffiziere in unserer Armee stets kleiner wird (vgl. Blog-Beitrag vom 22. 10.2009). Eine für unsere Milizarmee entscheidende Frage!

Parallel zu den Arbeiten einer kleinen Gruppe von Miliz-Generalstabsoffizieren, werden Gespräche mit Exponenten aus der Wirtschaft, Politik, aus dem Bildungsbereich, die selber Generalstabsoffiziere sind, durchgeführt.

In der Zeit von November 2009 bis Februar 2010 haben vier weitere Gespräche stattgefunden. Die Exponenten aus der Wirtschaft waren die folgenden Herren:

  • Andreas Münch, Mitglied der Generaldirektion, Migros Genossenschaftsbund
  • Joel Gieringer, Credit Suisse
  • Oliver M. Müller, Deutsche Bank (London)
  • Hans Schatzmann, Rechtsanwalt und Notar; SOG-Präsident

Andreas Münch stellt Aufwand und Ertrag einander gegenüber und beurteilt den eigentlichen direkten oder indirekten Nutzen einer militärischen Zusatzausbildung. Unter direktem Nutzen versteht er dabei das eigentliche Wissen und Können, unter indirektem Nutzen die Persönlichkeitsentwicklung. Führung im Militär ist in den wesentlichen Merkmalen der Führung in der Wirtschaft gleich zu setzen. Für ihn ist die eigentliche Problemerfassung alles entscheidend. Sobald es um die Umsetzung bzw das Umsetzungscontrolling geht, sind die vorgeschlagenen Massnahmen, aber nicht irgendwelche Massnahmen, sondern solche mit Hebelwirkung entscheidend. Scharfe Analysen mit scharfen Bewertungen sind für den Erfolg entscheidend.

Münch erläutert die grundlegende Problematik des Armeeausbildungszentrums Luzern (AAL). Sofern die Qualität des AAL bzw der Ausbildung zum Gst Of uneingeschränkt bekannt und anerkannt ist, wird man stets genügend Kandidaten haben. Wenn dem nicht so ist, dann stimmt etwas im System nicht, vgl zivile Abschlüsse in Harvard oder Fontainebleau sind anerkannt, niemand hinterfragt sie. Kommt dazu, dass der Stellenwert der betr Ausbildung stimmen muss: Image, Rückhalt und Anerkennung in der Gesellschaft sowie Akzeptanz in der Wirtschaft.

Münch fordert unmissverständlich dass das „Unternehmen“ Armee spürbarer und mit einem „roten Faden“ kommuniziert.

Der konkrete Nutzen einer Ausbildung zum Gst Of ist für Münch unbestritten. Ob einer diesen Weg einschlagen will oder nicht, muss er entscheiden. Man kann nicht erwarten, dass der zivile Arbeitgeber die besten Kader einfach freispielt. Gerade in der heutigen Zeit mit einer wenig fassbaren Bedrohung, wäre es aber entscheidend, dass die Politik Farbe bekennt. Sicherheitspolitische Herausforderungen sind Problemstellungen mit einer Fristigkeit von mehr als vier Jahren (Wahlperiode).

Für Joel Gieringer bildet die Miliz einen tragenden Pfeiler der schweizerischen Zivilgesellschaft. Die freiwillig erbrachten Leistungen finden jedoch nur beschränkt Anerkennung. Dieses Problem akzentuiert sich in unserer Gesellschaft im Umgang mit dem Offizierskorps. Die Miliz ist mehr als eine Organisationsform. Sie widerspiegelt eine Gesinnung, die unser ganzes Gesellschaftsleben durchdringt. Die Erfüllung jeder Miliz-Aufgabe, sei das in einem Verein, in der Politik, in karitativen Organisationen oder eben in der Armee, entspringt letztlich einem persönlichen Engagement. Sie entspringt der Überzeugung, dass jeder eine Verpflichtung für die Gesellschaft, in der er lebt, hat. Eine Gesellschaft kann nicht funktionieren, wenn sie all ihre Aufgaben dem Staat aufbürdet.

Gemäss Gieringer liegt der Hauptgrund für ein reduziertes Interesse der Milizkader an einer Gst Of Laufbahn vornehmlich in der sich daraus ergebenden zeitlichen Belastung.

Der Arbeitgeber verlangt für diese langen Abwesenheiten eine Gegenleistung. Diese ist jedoch für viele Chefs schwer greifbar, da für viele zivile Vorgesetzte der Militärdienst schon lange zurückliegt oder keine Beziehung zur Armee besteht.

Das Topmanagement einer Firma mag das Milizengagement seiner Mitarbeiter unterstützen. Das gilt auch für das Militär. Entscheidend ist aber der Goodwill der nächsten und übernächsten vorgesetzten Führungsstufe. Es gilt Überzeugungsarbeit zu leisten.

Die Gst Of – Laufbahn einzuschlagen bedeutet gemäss Oliver M. Müller einen Entscheid zu fällen, ob das Spannungsfeld zwischen Beruf, Militärdienst und Privatleben beibehalten, eventuell sogar ausgebaut oder aber im Falle eines Verzichts entschärft werden soll.

Wie jede andere militärische Ausbildung dient die Gst Ausbildung erst einmal dazu, der Armee für die  Bewältigung der anfallenden Aufgaben entsprechend ausgebildete und qualifizierte Gst Of zur Verfügung zu stellen.

Ob die lange Ausbildungsdauer alleine ein Grund für die wenigen „echten“ Milizoffiziere ist, erscheint fraglich. Die Frage nach der Tragbarkeit von Abwesenheiten aufgrund des Militärdienstes ist nicht Gst Of – spezifisch.

Kaderleute, die fähig sind, in vorgegebener Zeit mindestens brauchbare Lösungen zu generieren, sind gesucht. Ebenso Leute mit der dazu unabdingbaren Analysefähigkeit. Der Nutzen der Gst Ausbildung ist unbestritten. Der Unterscheid zu herkömmlichen Führungs- und Problemlösungsausbildungen liegt weniger in der Systematik, als im „Mindset“. Damit ist der Zwang angesprochen, unter Zeitdruck eine vorgegebene Methodik anzuwenden. Der Unterschied zum Zivilen liegt somit nicht im Handwerk sondern in der Anwendung des Handwerks. Auch wenn die Gst Ausbildung im Bereich Methodik vielfach unbequem ist ist diese beizubehalten. Die Gst Ausbildung unterscheidet sich in der „unzimperlichen“ Methode, bei der jeder Teilnehmer zusätzlich seine persönliche Belastungsgrenze kennenlernt.

Die Verschmelzung der Arbeitswelt zu einem globalen Dorf stellt die schweizerische Gst Ausbildung vor ein Dilemma. Die Reputation der Gst Ausbildung lebt davon, dass neben dem Gst Of auch sein Umfeld um sie weiss und auch angemessen einschätzen kann. Ist dies nicht möglich, liegt der Wert der Reputation nahe bei null. Die Gst Ausbildung ist auf dem Bildungsmarkt im Vergleich zwar wertvoll, wird aber aufgrund der geringen Chance bekannt zu werden, einen Nischenplatz behalten. Es handelt sich um ein Produkt, das für die meisten Leute nicht „erwerbbar“ ist. Die Gst Ausbildung muss aber einschätzbar werden. Mindestens in der schweizerischen Bildungslandschaft muss die Gst Ausbildung als „wertvoll“ eingestuft werden.

Die Gst Of Ausbildung hat einen zivilen Nutzen. Aber sie bewegt sich im Spannungsfeld zwischen zivilem Nutzen und zu erfüllenden militärischen Anforderungen. Die Gst Ausbildung soll aber nicht in Konkurrenz zu zivilen Bildungsinstitutionen treten, da dies immer auf Kompromisslösungen zu Ungunsten der militärischen Bedürfnisse hinauslaufen wird. Die Einzigartigkeit ist die Stärke der Gst Of Ausbildung. Sie ist eine Kombination von Ausbildungsdauer, -methode und –intensität.

Hans Schatzmann spricht u.a. über die Frage, wie die Nachwuchssituation bei den Gst Of verbessert werden könnte. Er sieht sechs Punkte:

  • Rahmenbedingungen: nur stabile Rahmenbedingungen ermöglichen positive Erfahrungen und das notwendige Vertrauen. Verwendungen haben eine  gewisse Zeit zu dauern, Funktionen sind nicht in hohem Rhythmus neu zu schaffen oder rasche wieder zu streichen. Dauernde Veränderungen schaffen Unsicherheit, Misstrauen und Frust und vergällen die Bereitschaft zum Weitermachen.
  • Information / Werbung: Alle Einheitskommandanten sind frühzeitig über die Gst Ausbildung und die Gst Laufbahn zu orientieren. Dabei kommt den Kommandanten der Grossen Verbände eine entscheidende Rolle zu.
  • Transparenz: Auswahlverfahren und Kriterien für die Vorschlagserteilung sind transparent zu gestalten.
  • Niveau: Die Gst Ausbildung muss zwingend anspruchsvoll sein. Milizoffiziere kommen nur, wenn hohe Ansprüche gestellt werden. Ungenügende Teilnehmer müssen ausscheiden. Inhaltlich soll die Ausbildung auf die militärischen Bedürfnisse ausgerichtet sein. Gst Ausbildung kann eine Ergänzung zur zivilen Ausbildung sein, nicht aber Ersatz dafür. Nur die besten, d.h. erfahrene, sozial und emotional kompetente Instruktoren sind als Ausbilder an der Gst Schule geeignet.
  • Inhalt / Erziehung: Ausbildung zu selbständigem Denken und Handeln, Förderung von Initiative, Kreativität und Teamarbeit.
  • Verwendung: auf reine Gst Karrieren wenn irgend möglich verzichten. Den Wechsel zwischen Truppen- und Stabsdiensten fördern.

Geplant sind weitere Gespräche:

  • Mittwoch, 31. März 2010 mit Herrn Franz Wipfli, ehem. Mitglied der erweiterten Konzernleitung Zurich Financial Services,
  • Donnerstag, 15. April 2010 mit Herrn Prof. Jürg Kessler, Rektor der HTW Chur
  • Mittwoch, 19. Mai 2010 mit Herrn Konrad Hummler, Wegelin & Co. Privatbankiers, St. Gallen.

Interessenten sind herzlich willkommen. Anmeldungen über www.lilienberg.ch.

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