Stellenwert der Generalstabsoffiziere in Armee und Wirtschaft (3)

Bekanntlich wird im Rahmen des Aktionsfeldes „Sicherheit & Armee“ des Unternehmerforums Lilienberg (Ermatingen) im Zyklus 2009/10 der Frage nachgegangen, woran es liegen kann, dass die Anzahl der „klassischen“ Miliz-Generalstabsoffiziere in unserer Armee stets kleiner wird (vgl. Blog-Beitrag vom 22. 10.2009). Eine für unsere Milizarmee entscheidende Frage!

Parallel zu den Arbeiten einer kleinen Gruppe von Miliz-Generalstabsoffizieren, werden Gespräche mit Exponenten aus der Wirtschaft, Politik, aus dem Bildungsbereich, die selber Generalstabsoffiziere sind, durchgeführt.

In der Zeit von März 2010 bis Mai 2010 haben drei weitere Gespräche stattgefunden. Die Exponenten aus der Wirtschaft waren die folgenden Herren:

  • Franz Wipfli, ehemaliges Mitglied der erw. Konzernleitung der Zurich Financial Services
  • Prof. Jürg Kessler, Rektor der HTW Chur
  • Dr. Konrad Hummler, Wegelin & Co. Privatbankiers, St. Gallen

Mit dieser dritten Serie endet diese Berichterstattung. Die wesentlichen Erkenntnisse werden Eingang in die geplante Publikation zum Thema finden.

Franz Wipfli war in seiner letzten militärischen Funktion Generalstabsoberst und Stabschef der Panzerbrigade 3 (1995 – 1997).

Der Referent betont, dass sich seine Erfahrungen auf einen international ausgerichteten Konzern beschränken, er deshalb nicht zu „Gst Of Ausbildung und KMU“ sprechen könne.

Eine der anspruchsvollsten Herausforderungen in einem multinational geprägten Konzern ist die kulturelle Herausforderung. Ausländische Verantwortungsträger haben keine Ahnung, welches der Mehrwert einer schweizerischen Generalstabsausbildung sein kann; es interessiert sie auch nicht. Eine Akzeptanz ergibt sich nur, wenn die vom Betreffenden eingebrachten Beiträge geschäftsrelevant sind.

Für Wipfli ist die Gst Ausbildung mindestens einem MBA äquivalent. Aber für zivile Chefs liegt der Erwerb eines MBA auf der Hand, das Durchlaufen einer Gst Ausbildung jedoch nicht. Um das zu ändern braucht es massgeschneiderte Aufklärungsarbeit nicht nur bei den Personalverantwortlichen, sondern bei den Linienverantwortlichen (Geschäftsleitung und Verwaltungsrat). Es bedarf einer gezielten Bewusstseinsbildung auf höchster Stufe, „Bannerträger“ innerhalb der Firma sind zwingend notwendig. Die schweizerische Generalstabsausbildung kann höchstens komplementär zu einem MBA sein. In einem international tätigen, multinational ausgerichteten Grossunternehmen hat die Gst Ausbildung als solche keine Bedeutung.

Wipfli beurteilt, dass er in der Krise von 2002/03 von J.Schiro in die Zentrale zurückgeholt worden ist, weil er CEO der ZFS in Österreich war und die Belange der „Front“ bestens kannte. Die von Wipfli mitgebrachte Ausbildung als Gst Of war kaum ein entscheidendes Merkmal oder Kriterium.

Dass es in den Jahren 2002/03 zu radikalen Reformschritten in der ZFS kommen konnte, führt Wipfli darauf zurück, dass es gelang „to create a sense of urgency“.

Jürg Kessler ist in seiner militärischen Funktion Generalstabsoberst und Stellvertreter des Kdt Ter Reg 3.

Jürg Kessler hängt seine Gedanken an einigen Fragen auf.

  1. In welchen Bereichen kann in der militärischen Ausbildung überhaupt ein Nutzen für das Zivile entstehen?
  2. Bringt die militärische Ausbildung heute noch den gleichen Nutzen wie vor 20 Jahren?
  3. Bringt der Armee die zivile Führungsausbildung etwas – Nutzen in der umgekehrten Richtung?
  4. Was lernt man denn so Spezielles als Of bzw als Gst Of im Militär?

Wesentlicher Aufhängepunkt seiner Ausführungen bildet das Swissair-Grounding vom 2.Oktober 2001, in welchem er in der Unique (Zürich Flughafen AG) eine Taskforce leitete.

Für Jürg Kessler ist es nicht die Methodik an sich, die den eigentlichen Nutzen erbringt, sondern das konsequente Anwenden einer „trendlosen“, nicht Modeströmungen unterworfenen, Methodikdrillmässige Anwendung und deren .

Die Erfahrungen, die junge Kader im Militärdienst erwerben können, sind unersetzlich, denn sie gründen auf der Praxis und sind nicht Theoriesaalerfahrungen. Die Förderung des Gedankens „Leadership“ ist untrennbar mit militärischen Erfahrungen verbunden. Aber das Ansehen der Armee hat in letzter Zeit stark gelitten. Hier besteht grosser Handlungsbedarf, in dem die Armeeführung, abgestützt auf eine klare politische Absichtserklärung, unmissverständlich die Marschrichtung vorgibt.

Der gegenseitige Wissens- und Fähigkeitentransfer zwischen Zivil und Militär wirkt befruchtend. Der Referent schlägt vor, dass vermehrt Anrechungen geleisteter Dienste bzw erworbener Fähigkeiten geprüft werden sollten. In der Hochschulwelt wird dieser Gedanke jedoch als sehr exotisch beurteilt.

Es gibt kaum zivile Schulungen, die die persönliche Belastbarkeit der Absolventen dermassen konkret aufzeigt. Zudem lernt man insbesondere in den Gst Kursen immer wieder, dass eine brauchbare Lösung in der zur Verfügung stehenden Zeit besser ist als eine perfekte Lösung, die jedoch zu spät kommt.

J. Kessler unterstreicht zum Schluss, dass die Herausforderung, genügend Miliz Gst Of zu finden, unabdingbar mit der Tatsache verbunden ist, dass man bereits sehr viel früher genügend Leutnants rekrutieren kann. Die Weichenstellung für eine militärische Karriere hat deshalb sehr früh zu erfolgen.

Konrad Hummler ist Generalstabsoberst und war in seiner letzten militärischen Funktion Chef der Sachgruppe Strategie (Stufe Armeeführung).

Der Referent unterstreicht in einem ersten Schritt die Notwendigkeit der Beschäftigung mit Extremfällen, deren Periodizität tendenziell abnehmend ist. Es gibt Katastrophen! Eine Ex­trapolation aus den letzten 10 Jahren in die Zukunft ist nicht zielführend. Damit stellt sich die Frage nach dem Umgang mit Extremereignissen: welches Instrumentarium steht z Vf? Auf internationaler Ebene ist in Extremfällen wenig Verlass auf Verträge. Der Referent stellt den kooperativen dem nicht-kooperativen Spielmodus gegenüber.

Und damit ist die Berechtigung der Existenz der Milizarmee (Motto: in Extremsituationen sich selber helfen können) an sich gegeben.

Als Zweites stellt der Referent die Auswirkungen der Milizarmee auf den Bürger dar. Während des Kalten Krieges wurde wohl sehr theoretisch, ja virtuell, aber mit grosser Ernsthaftigkeit geübt. Er spricht gar von einer „organisierten Belanglosigkeit des Übens“, deren Wert aber nicht unterschätzt werden darf, da sie ausserhalb der konkreten Realität erfolgt ist. Es war die grosse Auseinandersetzung mit dem Extremfall. Die Hinwendung zu praktischen Einsätzen, zur Nützlichkeit des Instruments „Armee“ ist das grosse Problem der heutigen Armee. Sobald die Milizarmee nützlich zu sein hat, wird sie in eine existentielle Krise geraten, da sie dann mit Profiorganisationen verglichen wird. Damit stellt sich unweigerlich die Frage für die besten Kader, ob sie sich zur Verfügung stellen wollen. Man muss vorsichtig sein, allzu utilitaristisch die Frage der Milizarmee anzugehen. Die besten Milizkader unserer Gesellschaft stellen sich nicht z Vf, weil sie einen kurzfristigen Nutzen darin sehen. Es gibt Begriffe wie Loyalität, Treue.

Aus der Gst Ausbildung hat Konrad Hummler folgendes mitgenommen: er hat Begriffe gelernt (Disziplin eindeutiger Begriffe, Treue zu klaren Begriffen als Grundlage für eine sinnvolle Kommunikation). Zweitens ging es um Abläufe in Extremsituationen. Drittens: Zugehörigkeit zu einer gewissen Elite, etwas Unabdingbares für eine funktionierende Zivilgesellschaft. Eine Elite, mit der man über alles sprechen kann, aber nicht über alles sprechen muss. In der Armee 61 war dies gegeben. Heute: eher fraglich.

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