Stellenwert der Generalstabsoffiziere in Armee und Wirtschaft

Im Rahmen des Aktionsfeldes „Sicherheit & Armee“ des Unternehmerforums Lilienberg (Ermatingen) wird im Zyklus 2009/10 der Frage nachgegangen, woran es liegen kann, dass die Anzahl der „klassischen“ Miliz-Generalstabsoffiziere in unserer Armee stets kleiner wird. Eine für unsere Milizarmee entscheidende Frage!

Parallel zu den Arbeiten einer kleinen Gruppe von Miliz-Generalstabsoffizieren, werden Gespräche mit Exponenten aus der Wirtschaft, Politik, aus dem Bildungsbereich, die selber Generalstabsoffiziere sind, durchgeführt.

Bis heute haben drei solche Gespräche stattgefunden. Die Exponenten aus der Wirtschaft waren die folgenden Herren:

  • Riet Cadonau, CEO, Ascom
  • Martin Christoph Batzer, Novartis Pharma AG, Basel
  • Christian Haltner, Head Formalities & Investigation Cempetence Centre, Credit Suisse, Zürich.

Eine Offizierslaufbahn ist aus Sicht aller Referenten eine ausgezeichnete Führungsschulung und für die berufliche Entwicklung nützlich. Der junge Offizier übernimmt früh Verantwortung und gewinnt praktische Führungserfahrung, beides weit früher als in der Wirtschaft möglich und üblich.

Die Ausgangslage verändert sich stark, wenn man an die Generalstabsausbildung denkt. Wichtige Weichenstellungen im zivilen Beruf erfolgen zwischen 30 und 35 Jahren: u.a. bieten sich Möglichkeiten eines Auslandaufenthaltes und hochkarätige Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Generalstabsausbildung steht heute in Konkurrenz zu diesen zivilen Ausbildungsangeboten. In multinationalen Firmen könnte eine Generalstabsausbildung immer problematischer werden. In KMU stellt sich die Frage nach dem Aufwand, weil z.B. Stellvertretungen i.d.R. schwierig sicherzustellen sind.

Für alle waren überzeugende Persönlichkeiten unter ihren damaligen Vorgesetzten eines der entscheidenden Kriterien für die Bereitschaft zur Weiterausbildung zum Generalstabsoffizier.

Folgende Punkte, die den Referenten noch heute in bester Erinnerung sind und von denen sie noch heute Profit ziehen, stehen im Vordergrund:

  • Umgang mit dem Faktor Zeit, Erkennen, dass die Qualität einer Arbeit Funktion der Zeit ist,
  • Führungsrhythmus,
  • Problemanalyse,
  • Auftrag in den Gesamtrahmen stellen (minimale Anforderung vs. maximale Lösung, auf höherer Stufe denken),
  • Die Frage „de quoi s’agit-il?“  konsequent beantworten. Gelingt dies, dann ist das Problem bereits zu 95% (!) gelöst (Martin Chr. Batzer).

Was zivile Managementkurse in der Regel nicht anbieten sind folgende Elemente:

  • Einsicht, dass die Lagebeurteilung ein ständiger Prozess ist,
  • Zwang in der Gst Ausbildung mehrere Varianten zur Lösung einer Problemstellung vorzuschlagen,
  • Arbeit unter Zeitdruck mit dem Zwang, in jedem Fall etwas Brauchbares abzuliefern,
  • In den Gst Kursen dürfen Fehler gemacht werden, ohne dass damit der Stab über eine Person gebrochen wird – etwas, das es in dieser ausgeprägten Form in der Wirtschaft kaum gibt.

Unmissverständlich zeigen die Referenten aber auch Schwachpunkte jener Generalstabsoffiziersausbildung auf, die sie erlebt haben:

  • Kaum angesprochene Art und Weise der Zielerreichung, d.h. welche Werte einzuhalten sind oder welche Nachhaltigkeit erzielt werden soll,
  • Militärische Kommandanten sind stets im Brennpunkt, treten auf als einsame Entscheidträger, was heute in flagrantem Widerspruch zur zivilen Realität in der Wirtschaft steht. Der Funktion des Coaches, der sein Team zum Erfolg führt und der seine Unterstellten bestens kennt, wird kaum Beachtung geschenkt,
  • Der Chef soll sich über den eigenen Verband hinaus vernetzen, um so sein Team selber zusammenstellen zu können.
  • Der Umgang mit dem Faktum des Informationsüberflusses, d.h. Fragen rund um das Reporting, bleibt ausgeklammert,
  • Uniformität ist nach wie vor vorherrschend; die unbestreitbaren Stärken der Diversität werden kaum thematisiert.

Chr. Haltner unterstreicht die Tatsache, dass insbesondere in international ausgerichteten Konzernen eher Skepsis gegenüber jenen Kadern bestehen, die parallel zu ihrer beruflichen Stellung noch Militärdienst leisten. Die Finanzkrise hat aber unmissverständlich gezeigt, dass in schwierigen Situationen es vornehmlich jene Kader sind, die mehr als eine minimale Militärdienstleistung erbracht haben, die bereit sind, eine zusätzliche und ausser-ordentliche Leistung zugunsten des Ganzen zu erbringen. Und wenn sie Gst Of sind, stehen sie plötzlich sehr viel mehr im Vordergrund als in der normalen Lage.

Die jeweiligen Diskussionen, die i.d.R. sehr engagiert geführt worden ist, haben sich stark um den Begriff der „Eliteschule“ gedreht. Handelt es sich bei der Generalstabsausbildung um eine rein militärische Eliteausbildung oder auch um eine in der zivilen Welt anerkannte Eliteausbildung. Die Ansichten gehen stark auseinander:  Dr. Martin Chr. Batzer äussert sich unmissverständlich. Gemäss ihm muss ein klarer Weg eingeschlagen werden: zu glauben, die Armee könne sowohl eine zivile als auch militärische Eliteausbildung anbieten, ist eine Illusion. Sagt die Armee klar, dass die Generalstabsausbildung eine hochstehende militärische Ausbildung für Führungsgehilfen der oberen taktischen und operativen Stufe anbietet, dann ist das ein starkes Zeichen. Das kann dazu führen, dass die Wirtschaft die militärische Generalstabsausbildung als sehr nützliches Pendant zu entsprechenden zivilen Ausbildungsangeboten anerkennt.

Interessant und für eine höhere Entscheidstufe wesentlich sind die Aussagen der Referenten (insbesondere durch R. Cadonau unterstrichen), wonach folgende allgemeine Voraussetzungen entscheidend sind, damit sich die besten Milizkader zur Verfügung stellen.

  • ein glaubwürdiger Auftrag der Armee,
  • genügend (finanzielle) Mittel für die Armee,
  • das Produkt „Generalstabsausbildung“ muss stimmen,
  • für die Absolventen der Generalstabskurse müssen klare militärische Perspektiven bestehen.

Dem ist nichts weiter beizufügen.

Ausblick

Geplant sind weitere Gespräche:

  • Dienstag, 10. November 2009 mit Herrn Andreas Münch, Migros Genossenschafts-Bund, Mitglied der Geschäftsleitung,
  • Montag, 7. Dezember 2009 mit Herrn Jürg Kessler, Rektor Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur,
  • Dienstag, 12. Januar 2010 mit den Herren Joel Gieringer (Credit Suisse) und Oliver Müller (Ass. CEO EW Kanton Zürich),
  • Donnerstag, 11. Februar 2010 mit Herrn Hans Schatzmann, Rechtsanwalt und Notar, Präsident der Schweiz. Offiziersgesellschaft,
  • Mittwoch, 31. März 2010 mit Herrn Franz Wipfli, ehem. Mitglied der erweiterten Konzernleitung Zurich Financial Services,
  • Mittwoch, 19. Mai 2010 mit Herrn Konrad Hummler, Wegelin & Co. Privatbankiers, St. Gallen.

Interessenten sind herzlich willkommen. Anmeldungen über www.lilienberg.ch.

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