Studie: Militärische Führungserfahrung von Bevölkerung geschätzt

In der ASMZ 07/2010 wird auf Seite 8 die Studie „Sicherheit 2010“ der ETH Zürich zusammengefasst. Die repräsentative Befragung (PDF) bringt auf den ersten 180 Seiten eine Fülle von interessanten Erkenntnissen zu Tage. Besonders zu empfehlen ist der Teil „Militärische Weiterbildung und Prestigewert einer milizmilitärischen Kaderposition“ ab Seite 157. Hier ein paar – in der ASMZ z.T. nicht angesprochene – Ausschnitte aus der Publikation:

Militärische Führungsausbildung:

Rund sechs von zehn Befragten, 9% mehr als anlässlich der letzten diesbezüglichen Erhebung 2001, würden im Jahr 2010 einem Bekannten auf die Frage, ob er weitermachen solle, eine positive Empfehlung abgeben. [FN: Die Fragestellung wurde 2010 leicht angepasst und es wird nicht mehr zwischen Korporal und Leutnant unterschieden.] Der gesellschaftliche Prestigewert einer Militärkarriere scheint seit der Einführung der Armee XXI wieder zugenommen zu haben. (Seite 24)

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Entgegen der landläufigen Vermutung nimmt das Prestige des Milizkaders nicht kontinuierlich ab, sondern ist im Vergleich zur letztmaligen Erfassung der Einstellung der SchweizerInnen zur militärischen Kaderausbildung im Jahr 2005 signifikant gestiegen. Dass eine militärische Führungserfahrung auch im Zivilen berufliche Vorteile bringt, glauben 70% (+7% im Vergleich zu 2005). Dass auf dem Arbeitsmarkt mit Nachteilen zu rechnen sei, finden seit 1998 konstant um die 40% (2010: 41%). Als ehrenvoll wird die militärische Beförderung von 63% (+9% im Vergleich zu 2005) wahrgenommen. Diese Einstellung wird 2010 genauso stark vertreten wie 1983.
88% der Befragten können sich mit der Feststellung «die Schweizer Armee kann nur funktionieren, wenn sich fähige Leute für die Weiterausbildung zum Unteroffizier und Offizier zur Verfügung stellen» entweder «sehr» oder «eher einverstanden» erklären. Trotz dieser hohen Befürwortung des Milizsystems auf Kaderstufe stimmen 80% der Befragten dem Vorschlag zu, bei einem Mangel an Milizoffizieren mehr Berufsoffiziere anzustellen. Diese Forderung fand 2005 signifikant weniger Befürwortung. Diese auf den ersten Blick widersprüchliche Einstellung zum Milizkader widerspiegelt die mit 79% stark verbreitete Ablehnung der Zwangsverpflichtung zum Weitermachen: Das Milizsystem auf Kaderstufe wird gutgeheissen, solange es auf Freiwilligkeit basiert. (Seite 24)

Die positive Einstellung der SchweizerInnen gegenüber dem Weitermachen widerspiegelt sich auch in der Wahrnehmung, wie stark die acht von uns vorgegebenen Fähigkeiten in den militärischen Weiterbildungen vermittelt werden. Insgesamt überwiegt der Eindruck, dass vor allem Tugenden oder militärische Werte wie Pünktlichkeit (61%) und Disziplin (54%) «sehr stark» gelernt werden. Fähigkeiten einer typischen Führungskraft wie Teamfähigkeit (47%), Verantwortungsbewusstsein (44%), Führungserfahrung (42%) und organisatorische Fähigkeiten (39%) rangieren eher an zweiter Stelle. Genauigkeit ist hingegen eine Eigenschaft, die man sich in der Beobachtung der Zivilbevölkerung vergleichsweise weniger häufig im Militär aneignet (38%).
Das Prinzip des Bürgersoldaten und der Miliz basiert auf dem Willen der Bürger, sich für die Öffentlichkeit zu engagieren. Dieser demokratische Wert wird hingegen in den militärischen Weiterbildungskursen nach Auffassung der Befragten weniger stark vermittelt (22%). Dies könnte daran liegen, dass die militärische Kaderausbildung eher als individuelle Weiterbildung als ein Engagement für die Öffentlichkeit wahrgenommen wird. (Seite 24/25)

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Im Grossen und Ganzen steht die Schweizer Bevölkerung militärischen Traditionen positiv gegenüber: 14% der Befragten finden diese «sehr» und 56% «eher» gut. Traditionen, die die Gruppenkohäsion im Militär stärken und jene, die der Weitergabe militärischen Wissens dienen, werden am stärksten akzeptiert: 34% bzw. 23% der Umfrageteilnehmer finden diese «sehr gut». Auch Traditionen, bei denen es darum geht, die Schweizer Armee in der Bevölkerung zu präsentieren (20% «sehr gut»), das Schweizersein zu pflegen (18%), die Soldaten zu erziehen (18%) oder die militärische Vergangenheit der Schweiz zu würdigen (15%) werden insgesamt mehrheitlich positiv gesehen. Von der Bevölkerung nicht gebilligt werden jene Traditionen, bei denen die militärische Tapferkeit oder die Männlichkeit im Vordergrund stehen. (Seite 25)

Bedrohungslage:

Nur noch 8% (−5%) der SchweizerInnen glauben, dass sich die weltpolitische Lage in den nächsten fünf Jahren entspannen wird. 43% (+1%) meinen hingegen, dass sich diese in fünf Jahren düsterer und gespannter präsentieren wird. Beinahe jeder Zweite erwartet keine Veränderungen (48%, +5%). Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Wahrnehmung der weltpolitischen Lage signifikant verändert. Ein markanter Rücklauf kann bei den OptimistInnen beobachtet werden, ein Zulauf bei jenen, die an eine stabile Lage glauben. Offenbar hat sich die Hoffnung auf eine friedlichere Welt, die wir letztes Jahr in unseren Daten beobachten konnten, in der Wahrnehmung der Bevölkerung nicht bewahrheitet. (Seite 18)

Neutralität:

72% (+3%) der Befragten teilen 2010 die Meinung, die Schweiz sollte wirtschaftlich und politisch möglichst unabhängig bleiben. Mit 51% (+1%) der Befragten halten es genauso viele Personen wie im Vorjahr für wichtig, sich nur auf die eigene Landesverteidigung zu verlassen. (Seite 18/19)

Die Schweizer Bevölkerung steht wie eh und je geeint hinter dem Prinzip «Neutralität». Mitte/Ende der neunziger Jahre befürworteten durchschnittlich 82% der StimmbürgerInnen die Beibehaltung der Neutralität. Die Zustimmung dazu ist aber 2002 deutlich angestiegen und erreicht auch 2010 wie bereits in den beiden Jahren zuvor ein Allzeithoch von 93% (±0%). (Seite 21)

Armeeorganisation:

Der Anteil der SchweizerInnen, die eine Berufsarmee befürworten, ist im langfristigen Trend bis 1999 relativ kontinuierlich gestiegen. Seit der Jahrtausendwende halten sich die beiden Lager mit kleineren Schwankungen in etwa die Waage. Wie bereits in den beiden Vorjahren liegt der Anteil der BefürworterInnen einer Milizarmee mit 50% (−1%) über jenem der AnhängerInnen einer Berufsarmee (44%, +2%).
Dass die Milizarmee von beinahe jedem Zweiten nicht mehr unterstützt wird, zeigt sich auch in der Zustimmung zur Forderung, die Schweiz solle «die allgemeine Wehrpflicht aufheben und den Militärdienst freiwillig machen.» 45% (+3% im Vergleich zu 2008) würden eine Abschaffung der Wehrpflicht willkommen heissen. (Seite 23)

Rekrutierung von militärischem Personal: Berufsziel Berufsoffizier
Im Rahmen einer Seminararbeit an der ETH Zürich beschäftigte sich Oblt Christof Bill mit der Frage nach den wichtigsten Entscheidungsfaktoren, welche junge Erwachsene bewegen, den Beruf des Berufsoffiziers zu ergreifen. Diese Faktoren wurden mittels einer Befragung im Herbst 2009 in den Lehrgängen der Militärakademie an der ETH Zürich bei 75 Berufsoffiziersanwärtern erfasst. Zu den drei dominanten personalen Hauptmotiven bei der Berufswahl gehören demnach Interesse am Militär, Freude an der Führung von Menschen und Spass an der Vielseitigkeit. Ökonomische Gründe wie Arbeitslosigkeit, Verdienst oder soziale Motive wie ein möglicher sozialer Aufstieg werden hingegen nicht als Motive gesehen. 69% der Befragten bemerken, bei der Berufswahl von ihrem näheren sozialen Umfeld nicht beeinflusst worden zu sein. Dieses habe aber grossmehrheitlich positiv auf die Berufswahl reagiert, wobei die Väter in erster Linie stolz waren und die Mütter und Freundinnen unterstützend wirkten.

Bei der Frage nach dem Zeitpunkt des Berufsentscheides geben 36% der Befragten als erste Priorität die «Zeit während ihrer Tätigkeit als Zeitmilitär» an. Weiter folgen die Nennungen «während der Kaderschule» sowie «nach einigen Jahren ziviler Berufserfahrung» mit 20% respektive 16% der Befragten. Werden alle mit dem eigenen Militärdienst – vom Wehrpflichtigen in der Rekrutenschule bis zum Zeitoffizier – verbundenen Antwortkategorien zusammengefasst, entschlossen sich 72% der Befragten, während des Militärdienstes Berufsoffizier zu werden. Hingegen war es nur für sechs Personen schon während der obligatorischen Schulzeit klar, dass sie diesen Beruf anstreben. Dies zeigt deutlich, dass der Wunsch, Berufsoffizier zu werden, sich erst mit den eigenen militärischen Erfahrungen in der Schweizer Milizarmee entwickelt. In diesem Zusammenhang kann auf den hohen Stellenwert der allgemeinen Wehrpflicht in der Schweiz für die Personalrekrutierung von militärischem Berufspersonal hingewiesen werden. (Seite 166)

Die Studie ist als PDF über die Webseite der ETH verfügbar.

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